AREF RESEARCH · Evidenzbericht · Recherchestand 6. September 2026

Apps auf Rezept: Warum das deutsche Modell funktioniert und trotzdem niemanden ernährt

Seit 2019 kann ein Arzt in Deutschland eine App verschreiben, und die Krankenkasse zahlt. Weltweit gibt es das sonst nirgends. Sechs Jahre später verlassen die Anbieter den Markt — wegen einer einzigen Regel, die kaum jemand kennt. Dieser Bericht erklärt sie von Grund auf.

Für Leserinnen und Leser ohne VorkenntnisseFokus: Deutschland, EU, USA · Stand 6. September 2026Keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung

GRÖSSTE CHANCE

Werkzeuge für Pflichten mit Datum

Zwischen Oktober 2026 und März 2029 treten mehrere gesetzliche Pflichten in Kraft, die jeder Anbieter von Gesundheitssoftware erfüllen muss. Wer die Software dafür liefert, verkauft an Kunden mit Frist und ohne Wahl.

GRÖSSTES RISIKO

Der Preis gilt rückwirkend

Kein anderes Element des Systems hat direkt Unternehmen zerstört. Wer auf DiGA-Erlöse plant, plant gegen einen Preis, den er erst zwölf Monate nach dem Start erfährt — und der dann auch für die Vergangenheit gilt.

KONFIDENZ

Hoch für Zahlen, mittel für Evidenz

Die Marktzahlen stammen aus dem gesetzlich vorgeschriebenen Bericht der Krankenkassen. Die Bewertung der Wirksamkeitsstudien ist gut belegt, aber die Forschung bewegt sich schnell. Prognosen jenseits 2028: niedrig.

227 €

zahlt eine Kasse im Schnitt für 90 Tage App — ungefähr so viel wie zwei Sitzungen Psychotherapie

−59 %

fällt der Preis, sobald verhandelt wird. Rückwirkend ab dem ersten Verkaufstag

7,53 Mio. €

haben die Kassen für 16 Apps gezahlt, deren Nutzen nie belegt wurde. Rückforderung: ausgeschlossen

68 → 23

Neuanträge pro Jahr, 2021 gegenüber 2025. Die Anbieter ziehen sich zurück

3,3 %

der Nutzer einer Gesundheits-App sind nach 30 Tagen noch aktiv — außerhalb des Rezeptsystems

44 %

aller Verordnungen des Jahres 2025 entfielen auf eine einzige App. Der Markt ist ein Produkt

8,15 €

bekommt die Ärztin für die Begleitung einer verordneten App — einmal im Behandlungsfall

Teil 1

Worum es überhaupt geht#

Stellen Sie sich vor, Sie gehen mit Rückenschmerzen oder einer Depression zum Arzt. Statt einer Tablette oder einer Überweisung bekommen Sie ein Rezept für eine Smartphone-App. Sie reichen es bei Ihrer Krankenkasse ein, bekommen einen Freischaltcode, laden die App herunter und nutzen sie 90 Tage lang. Die Kasse zahlt. Sie zahlen nichts.

Genau das gibt es in Deutschland seit 2019 — und sonst in keinem anderen Land der Welt in dieser Form. Diese Apps heißen offiziell digitale Gesundheitsanwendungen, abgekürzt DiGA. Umgangssprachlich: „Apps auf Rezept“.

Der Gedanke dahinter ist gut. Auf einen Therapieplatz wartet man in Deutschland im Schnitt fast fünf Monate. Eine App ist sofort da. Wenn sie hilft, überbrückt sie eine echte Lücke.

Die Frage dieses Berichts ist eine andere: Warum wollen immer weniger Unternehmen diese Apps noch bauen? Denn die Zahlen sagen das eindeutig. 2021 gingen 68 Anträge beim zuständigen Bundesinstitut ein. 2025 waren es 23.

Wie das System funktioniert

Wie eine App aufs Rezept kommt — und wie ihr Preis entsteht

Zwei Wege, die parallel laufen: der Weg zum Patienten links, der Weg zum Preis rechts.

DER WEG ZUM PATIENTEN1 · Die App muss Medizinprodukt seinCE-Kennzeichnung nach der EU-Medizinprodukteverordnung2 · Antrag beim BfArMDie Behörde entscheidet binnen drei Monaten3 · Aufnahme ins VerzeichnisEntweder dauerhaft — oder vorläufig für zwölf Monate4 · Arzt verordnet, Kasse zahltPatient erhält einen Freischaltcode für 90 TageDER WEG ZUM PREISJahr 1 · Der Hersteller setzt den PreisFrei wählbar, im Schnitt 544 EuroNach 12 Monaten · VerhandlungGKV-Spitzenverband und HerstellerBei Streit · SchiedsstelleEtwa jeder dritte Preis wird so festgesetztErgebnis · im Schnitt 227 EuroUnd dieser Betrag gilt rückwirkendrück-wirkendDer entscheidende Pfeil ist der rote: Der später festgesetzte Preis gilt auch für alle Verordnungen des ersten Jahres.Was zu viel abgerechnet wurde, muss zurückgezahlt werden.

Zwei Dinge laufen parallel. Links der Weg zum Patienten: Die App muss erst ein zugelassenes Medizinprodukt sein, dann prüft das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte — kurz BfArM — den Antrag. Fällt die Prüfung positiv aus, landet die App in einem öffentlichen Verzeichnis und darf verordnet werden.

Rechts der Weg zum Preis. Und der ist der eigentliche Gegenstand dieses Berichts. Im ersten Jahr legt der Hersteller den Preis selbst fest. Danach verhandeln die Krankenkassen mit ihm. Werden sie sich nicht einig, entscheidet eine Schiedsstelle. Der so festgelegte Preis gilt rückwirkend — auch für alle Verordnungen des ersten Jahres.

Die Begriffe, die immer wieder vorkommen

DiGA — eine App, die ein Arzt verschreiben kann und die Krankenkasse bezahlt.
BfArM — die Bundesbehörde, die über die Aufnahme entscheidet.
GKV-Spitzenverband — der Dachverband der gesetzlichen Krankenkassen; er verhandelt den Preis für alle Kassen gemeinsam.
Vergütungsbetrag — der ausgehandelte Preis, den die Kasse ab dem zweiten Jahr zahlt.
Erprobung — eine vorläufige Aufnahme für zwölf Monate. Der Hersteller verdient bereits Geld und muss den Nutzen erst danach belegen.
Positiver Versorgungseffekt — der gesetzlich geforderte Nachweis, dass die App etwas bringt. Entweder medizinisch messbar, oder als Verbesserung im Behandlungsablauf.
Freischaltcode — was der Patient von der Kasse bekommt, um die App zu aktivieren.
Medizinprodukt / MDR — Software, die bei Diagnose oder Therapie hilft, gilt rechtlich als Medizinprodukt und braucht eine Zulassung nach der EU-Medizinprodukteverordnung (englisch Medical Device Regulation).
Randomisierte Studie (RCT) — der Goldstandard des Wirksamkeitsnachweises: Teilnehmende werden per Zufall auf zwei Gruppen verteilt; eine bekommt die Behandlung, die andere nicht.
Effektstärke (Cohens d) — ein Maß dafür, wie groß ein Behandlungseffekt ist. Grobe Faustregel: 0,2 klein, 0,5 mittel, 0,8 groß.

Drei Fragen, drei verschiedene Antworten

Dieser Bericht beantwortet drei Fragen getrennt, weil die Evidenz für sie unterschiedlich ausfällt:

  • Soll ich als Patient oder Arzt darauf setzen? Manchmal ja — dazu Teil 6 und Teil 14.
  • Soll ich als Gründer so etwas bauen? Fast nie — dazu Teil 5 und Teil 11.
  • Soll ich als Investor Geld hineinstecken? Nur mit sehr genauem Blick auf eine einzige Vertragsklausel — dazu Teil 5 und Teil 14.
Teil 2

„Digital Health“ sind fünf Geschäfte, nicht eins#

Bevor es um Zahlen geht, eine Unterscheidung, an der die meisten Investitionsentscheidungen in diesem Feld scheitern. „Digital Health“ ist kein Markt, sondern ein Sammelbegriff. Darunter liegen fünf Geschäfte mit völlig unterschiedlicher Ökonomie.

SegmentWas es istWer zahltMarktzugang
DiGAApps auf RezeptEine App, die selbst behandelt — etwa ein digitales Schlaf- oder DepressionsprogrammDie Krankenkasse, per RechtsanspruchOffen, aber schmal
Medizinprodukte-SoftwareDiagnostik und EntscheidungshilfeSoftware, die Befunde auswertet — etwa KI, die Mammografien vorbefundetKliniken und PraxenHoch, aber planbar
Infrastruktur und Workflowder unsichtbare TeilPraxissoftware, Terminvergabe, Dokumentation, AbrechnungÄrzte und Kliniken direkt, aus eigenem BudgetOffen
TelemedizinVideosprechstunde, FernbehandlungKasse über die ärztliche Abrechnung, teils SelbstzahlerOffen
Wellness-AppsFitness, Schlaf, Ernährung — ohne medizinischen AnspruchDer Nutzer selbst oder sein ArbeitgeberOffen

Was das heißt: Wer eine Marktzahl für „Digital Health“ liest und daraus auf das Potenzial einer Therapie-App schließt, vergleicht Praxissoftware mit Rezept-Apps. Das sind verschiedene Welten, und der Unterschied beträgt zwei Größenordnungen. Teil 3 rechnet das vor.

Teil 3

Wie groß ist der Markt wirklich?#

Beginnen wir mit der Zahl, die alles andere einordnet. Die Krankenkassen müssen jährlich berichten, wie viel sie für DiGA ausgeben. Für den gesamten Zeitraum vom 1. September 2020 bis zum 31. Dezember 2025 steht dort: 1,6 Millionen abgegebene Apps und rund 401 Millionen Euro. Für das Jahr 2025 allein: 695.000 Abgaben und 171 Millionen Euro.

Wo im deutschen Digital-Health-Markt tatsächlich Umsatz entsteht

Jahresumsatz beziehungsweise Ausgaben der Krankenkassen, in Millionen Euro.

CompuGroup Medical · Umsatz 20251.213 Mio. €Doctolib · Umsatz 2025422 Mio. €Alle DiGA · GKV-Ausgaben 2020–2025401 Mio. €Alle DiGA · GKV-Ausgaben 2025171 Mio. €04008001.200Der gesamte erstattete DiGA-Markt eines Jahres ist kleiner als ein Siebtel des Umsatzes eines einzigenPraxissoftware-Anbieters.CompuGroup: Geschäftsbericht 2025. Doctolib: Konzernumsatz 2025, Sekundärquelle. DiGA: GKV-Spitzenverband, kumuliert1.9.2020–31.12.2025 beziehungsweise Jahreswert 2025.

Das ist der komplette Markt für Apps auf Rezept in Deutschland — nach sechs Jahren, mit gesetzlichem Anspruch, in einem Gesundheitssystem, das jährlich über 300 Milliarden Euro ausgibt.

Zum Vergleich: CompuGroup Medical verkauft Software an Arztpraxen und Kliniken. Kein Patient hat je davon gehört. Der Umsatz 2025: 1,213 Milliarden Euro. Doctolib, die Terminplattform, kam auf 422 Millionen. Beide verkaufen keine Therapie, sondern Arbeitsabläufe — und beide haben nie eine Erstattung beantragt.

Was 227 Euro sonst kaufen

Was 227 Euro im Gesundheitssystem sonst kaufen

Kosten für die gesetzliche Krankenversicherung, in Euro.

Eine DiGA90 Tage Nutzung227 €Zwei SitzungenRichtlinienpsychotherapie229 €Ein Quartal Psychotherapiezwölf wöchentliche Sitzungen1.374 €Eine DiGA kostet die Kasse ungefähr so viel wie zwei Sitzungen Psychotherapie — und ungefähr ein Sechstel einesQuartals mit wöchentlicher Therapie.Psychotherapie nach EBM-Ziffer 35405, 899 Punkte zum Orientierungswert 12,7404 Cent = 114,54 Euro je 50 Minuten, QuartalIII/2026. Die Quartals- und Sechstelwerte sind eigene Rechnungen.

Eine einzelne Zahl sagt wenig, solange man sie nicht einordnen kann. Eine DiGA kostet die Kasse im Schnitt 227 Euro für 90 Tage. Eine Sitzung Richtlinienpsychotherapie kostet sie 114,54 Euro. Eine App entspricht also ungefähr zwei Therapiesitzungen — und etwa einem Sechstel dessen, was ein Quartal mit wöchentlicher Therapie kostet.

Aus Sicht der Kasse ist das nicht teuer. Aus Sicht des Herstellers ist es das Problem: Von diesen 227 Euro müssen Entwicklung, eine randomisierte Studie, die Medizinprodukt-Zulassung und der Vertrieb bezahlt werden.

Wie sich die 171 Millionen verteilen

Sehr ungleich. Über den gesamten Zeitraum entfallen 37 Prozent der Nutzungen auf Stoffwechselerkrankungen und 27 Prozent auf psychische Erkrankungen — während psychische Erkrankungen 55 Prozent des Katalogs ausmachen. Eine Handvoll Stoffwechsel-Apps erzeugt mehr Volumen als drei Dutzend Psyche-Apps.

Innerhalb der Stoffwechselgruppe konzentriert sich das Volumen weiter auf einen einzigen Anbieter: Oviva kam 2024 auf 29 Prozent aller Verordnungen und 2025 auf rund 44 Prozent. REPORTED

Teilt man die 171 Millionen schlicht durch 58 gelistete Apps, ergibt das im Schnitt 2,9 Millionen Euro Umsatz pro App und Jahr. Wegen der Konzentration liegt der tatsächliche Wert für fast alle Anbieter deutlich darunter — wie weit darunter, rechnet Teil 7 vor. EIGENE RECHNUNG

AREF SIGNAL Die Marktzahlen, die zitiert werden, messen etwas anderes

Marktforschungshäuser beziffern den deutschen Digital-Health-Markt für 2026 auf rund 11,9 Milliarden US-Dollar. Ein anderer Anbieter nennt für europäische „Digital Therapeutics“ 2,58 Milliarden Dollar für 2025. Ein Land ist also viermal so groß wie ein Kontinent — weil verschiedene Dinge gezählt werden. Die große Zahl enthält Telemedizin, Klinik-IT, vernetzte Geräte und Dienstleistungen.

Keine dieser Zahlen misst den DiGA-Markt. Der reale Umsatz beträgt 171 Millionen Euro — etwa anderthalb Prozent der 11,9 Milliarden. EIGENE RECHNUNG

Wer eine Digital-Health-Marktzahl als Näherung für das Erlöspotenzial einer Therapie-App benutzt, überschätzt es um den Faktor siebzig. Das ist keine Feinheit. Das ist der Unterschied zwischen einem Geschäftsmodell und einem Missverständnis.

Teil 4

Was mit einer verordneten App tatsächlich passiert#

Bevor man über Wirksamkeit streitet, lohnt eine einfachere Frage: Benutzen die Leute die App überhaupt? Die Kassen können das sehen, weil jeder Freischaltcode registriert wird.

Von hundert Rezepten bleiben siebzehn

Anteil der ausgegebenen Freischaltcodes, der die jeweils nächste Stufe erreicht.

Ausgegebene Freischaltcodes100 %davon aktiviert82 %17 %davon mindestens eine FolgeverordnungVon hundert verordneten DiGA werden 82 überhaupt eingelöst, und 17 werden über die vorgesehenen 90 Tage hinausfortgesetzt.GKV-Spitzenverband, Berichtszeitraum bis 31.12.2025. Eine ausbleibende Folgeverordnung kann Therapieerfolg, Abbruch oder Endeder Indikation bedeuten — die Kassen sehen den Unterschied nicht.

Von hundert ausgegebenen Codes werden 82 überhaupt eingelöst. 18 landen in der Schublade. Und von denen, die einlösen, holen sich 83 Prozent nach den 90 Tagen kein neues Rezept. REPORTED

Diese 83 Prozent sind keine Abbruchquote. Wer kein Folgerezept holt, kann geheilt sein, das Interesse verloren haben oder schlicht die Indikation hinter sich haben. Das Problem ist: Die Kassen können den Unterschied nicht sehen. Die Nutzungsdaten liegen bei den Herstellern, nicht bei den Zahlern. Eine echte Abbruchquote innerhalb der 90 Tage steht in keiner öffentlichen Quelle.

Das ist eine strukturelle Lücke, keine Recherchelücke — und genau deshalb verlangt der Gesetzgeber ab Oktober 2026 erstmals, dass Hersteller Nutzungsdauer, Nutzungshäufigkeit und Abbruchquoten melden.

Die härtere Vergleichszahl steht im App-Store

Für Gesundheits-Apps außerhalb des Rezeptsystems gibt es unabhängige Nutzungsdaten. Eine Untersuchung von 93 Apps für Angst, Depression und Wohlbefinden, jede mit mindestens 10.000 Installationen, fand: im Mittel 4,0 Prozent täglich aktive Nutzer. Nach 15 Tagen waren noch 3,9 Prozent dabei, nach 30 Tagen 3,3 Prozent.

Diese Zahlen stammen aus dem freien Markt. Ein ärztliches Rezept verbessert die Sache deutlich — die 82 Prozent Aktivierung zeigen das. Aber sie beschreiben die Schwerkraft, gegen die jede Gesundheits-App arbeitet. Und sie erklären, warum zwei Drittel aller jemals gebauten Gesundheits-Apps heute nicht mehr angeboten werden.

Und was passiert mit den Anbietern?

Ein Markt, aus dem sich die Anbieter zurückziehen

Neuanträge beim BfArM und Zusammensetzung des Verzeichnisses.

ANTRÄGE BEIM BFARM682021232025−66 %BESTAND ZUM 31. DEZEMBER 2025481016dauerhaft aufgenommenin Erprobungwieder gestrichen74 DiGA jemals aufgenommenJede fünfte jemals aufgenommene DiGA wurde wieder gestrichen — und die Zahl neuer Anträge ist auf ein Drittelgefallen.Anträge nach vfa (25.3.2026); Bestand nach GKV-Spitzenverband, Stichtag 31.12.2025. Streichungen überwiegend, weil der Nutzennicht nachgewiesen werden konnte.

Von 74 jemals aufgenommenen Apps wurden 16 wieder gestrichen — jede fünfte. Der Grund ist fast immer derselbe: Der Nutzen konnte nicht belegt werden. 34 Apps schafften den Sprung von der Erprobung in die dauerhafte Aufnahme, jede fünfte davon nur mit eingeschränktem Leistungsumfang.

Und die aussagekräftigste Zahl steht auf der Antragsseite: 68 Anträge im Jahr 2021, 23 im Jahr 2025. Ein Rückgang um zwei Drittel in einem Markt, der formal wächst. Die Anbieter stimmen mit den Füßen ab.

Teil 5

Die Preisfalle — der Kern des Problems#

Hier liegt der eigentliche Befund dieses Berichts. Das deutsche Modell hat einen Konstruktionsfehler, der nicht theoretisch ist. Er hat nachweislich Unternehmen vernichtet — und nicht die schlechtesten.

Was mit dem Preis passiert, sobald verhandelt wird

Herstellerpreis im ersten Jahr gegen den ausgehandelten Betrag, in Euro je Verordnung.

Durchschnitt aller DiGA544 €227 €−59 %zanadio · Adipositas500 €218 €−56 %M-sense · Migräne220 €10 €−95 %Herstellerpreis, erstes Jahrverhandelter VergütungsbetragDer Preis wird im ersten Jahr frei gesetzt und danach verhandelt — rückwirkend auf den Listungsbeginn. Beide hiergezeigten Einzelfälle endeten in der Insolvenz des Herstellers.Durchschnittswerte aus dem DiGA-Bericht des GKV-Spitzenverbandes, Stichtag 31. Dezember 2025. zanadio exakt 499,80 € auf 218 €,M-sense 219,98 € auf 10 €. Größte dokumentierte Einzelreduktion: 2.077,40 € auf 247,81 €.

Der Ablauf steht im Gesetz. Im ersten Jahr setzt der Hersteller den Preis frei. Danach verhandelt der GKV-Spitzenverband mit ihm. Kommt binnen neun Monaten keine Einigung zustande, entscheidet eine Schiedsstelle binnen drei weiteren Monaten. Bis Ende 2025 gab es 40 solcher Preise; etwa jeder dritte wurde von der Schiedsstelle festgesetzt.

Über alle Apps hinweg fällt der Preis dabei von durchschnittlich 544 Euro auf 227 Euro — ein Minus von 59 Prozent. Die größte dokumentierte Einzelreduktion ging von 2.077,40 Euro auf 247,81 Euro.

Das allein wäre harte, aber normale Preisregulierung. Der Konstruktionsfehler ist ein anderer.

Der festgesetzte Preis gilt rückwirkend

Die Preisfalle, einmal durchgerechnet

Beispiel für einen Anbieter mit 1.000 Verordnungen im ersten Jahr.

544.000 €Einnahmen im ersten Jahr1.000 Verordnungen zu 544 €−317.000 €Rückforderung nach derPreisfestsetzung auf 227 €=227.000 €Was tatsächlich bleibt227 € je VerordnungRechenbeispiel mit den Durchschnittswerten des GKV-Berichts: Wer im ersten Jahr 1.000 Mal verordnet wird, nimmt544.000 Euro ein — und muss davon 317.000 Euro zurückzahlen, sobald der Preis feststeht.Eigene Rechnung, keine Erhebung. Je erfolgreicher der Anbieter im ersten Jahr, desto größer die Rückforderung. Genau daran sindzwei Unternehmen zerbrochen.

Rechnen wir es durch. Ein Anbieter startet mit dem Durchschnittspreis von 544 Euro und wird im ersten Jahr 1.000 Mal verordnet. Er nimmt 544.000 Euro ein und baut damit sein Unternehmen auf: Personal, Vertrieb, Weiterentwicklung.

Nach zwölf Monaten wird der Preis auf 227 Euro festgesetzt — und zwar rückwirkend ab dem ersten Verkaufstag. Für die bereits abgerechneten 1.000 Verordnungen gilt jetzt der neue Preis. Die Differenz von 317 Euro je Verordnung muss zurückgezahlt werden: 317.000 Euro, für Umsatz, der längst ausgegeben ist.

Und jetzt der perverse Teil: Je erfolgreicher der Anbieter im ersten Jahr war, desto größer die Rückforderung. Erfolg wird bestraft.

Zwei Insolvenzen, dieselbe Ursache

Newsenselab mit der Migräne-App M-sense war der erste Fall. Die Schiedsstelle senkte den Preis von 219,98 Euro auf 10 Euro — ein Minus von 95 Prozent. Die App verließ im April 2022 das Verzeichnis, im Juli 2022 folgte die Insolvenz.

aidhere mit der Adipositas-App zanadio meldete am 30. Mai 2023 beim Amtsgericht Hamburg Insolvenz an. Die Schiedsstelle hatte den Preis von 499,80 Euro auf 218 Euro gesenkt, rückwirkend bis Oktober 2021. Das Unternehmen erklärte, „der um mehr als die Hälfte reduzierte Vergütungsbetrag und die daraus drohenden Rückzahlungsansprüche“ seien „wirtschaftlich nicht tragbar“. zanadio war zu diesem Zeitpunkt die meistverordnete App Deutschlands mit über 30.000 Nutzern. Die App überlebte — ein anderes Unternehmen kaufte sie —, die Firma nicht.

Der Fall zanadio ging vor Gericht. Das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg entschied am 20. Februar 2025, dass der Schiedsspruch „im Wesentlichen durch den weitreichenden Entscheidungsspielraum der Schiedsstelle gedeckt“ war. Nur bei der Erprobungsdauer hob es auf. Revision zum Bundessozialgericht wurde zugelassen; rechtskräftig ist das Urteil nicht. CONFIRMED

Und in die andere Richtung gilt die Regel nicht

Was die Kassen für Apps gezahlt haben, die den Nutzen nie belegten

Ausgaben im jeweils ersten Aufnahmejahr, in Millionen Euro.

orthopy2,06M-sense Migräne1,67actensio0,77Kaia COPD0,50Selfapy Panik0,49Mika0,45Vantis0,37mebix0,36optimune0,26sieben weitere0,60Zusammen7,53 Mio. € — nicht rückforderbarSechzehn DiGA wurden wieder gestrichen, weil der Nutzen nicht nachgewiesen wurde. Die Kassen haben dafür 7,53Millionen Euro gezahlt und bekommen davon nichts zurück.GKV-Spitzenverband, Bericht 2025, Tabelle 6. Wörtlich: „Für Ausgaben aus dem jeweils ersten Aufnahmejahr einer DiGA besteht auchdann kein Rückzahlungsanspruch für die GKV, wenn die DiGA keinen positiven Versorgungseffekt nachgewiesen hat.“ Neun Anwendungensind einzeln ausgewiesen, die sieben kleinsten zusammengefasst; Rundungsdifferenzen aus der Quelltabelle.

Hier wird es asymmetrisch. Wenn ein Hersteller im ersten Jahr zu viel verlangt hat, muss er zurückzahlen. Wenn eine App den Nutzen nie belegt und deshalb gestrichen wird, passiert das Gegenteil. Der Bericht der Krankenkassen formuliert es unmissverständlich:

Für Ausgaben aus dem jeweils ersten Aufnahmejahr einer DiGA besteht auch dann kein Rückzahlungsanspruch für die GKV, wenn die DiGA keinen positiven Versorgungseffekt nachgewiesen hat.

GKV-Spitzenverband, DiGA-Bericht 2025, Tabelle 6

Für die 16 gestrichenen Apps haben die Kassen im jeweils ersten Jahr 7,53 Millionen Euro gezahlt. Zurück bekommen sie davon nichts. Bei 15 der 16 kam es nie zu einem verhandelten Preis — sie verschwanden vorher.

Was das heißt: Das Erprobungsjahr ist eine Einbahnstraße in beide Richtungen. Der Hersteller trägt das volle Preisrisiko nach unten. Die Kasse trägt das volle Nutzenrisiko. Niemand gewinnt an dieser Konstruktion — und deshalb greift die Kritik, die nur eine Seite sieht, immer zu kurz.

Was der Gesetzgeber daraus gemacht hat

Seit dem 1. Januar 2026 müssen mindestens 20 Prozent des Preises erfolgsabhängig sein. Seit dem 1. Februar 2026 gilt eine Pflicht zur laufenden Erfolgsmessung, gestaffelt in drei Stufen: ab Oktober 2026 Nutzungsdaten samt Abbruchquoten, ab April 2028 die Einschätzung der Patienten, ab April 2029 krankheitsspezifische Fragebögen. REPORTED

Beides adressiert die Evidenzlücke. Keines von beiden adressiert die Rückwirkung.

Teil 6

Wirkt das überhaupt?#

Jetzt die Frage, die am Anfang stehen müsste: Helfen diese Apps den Menschen? Die ehrliche Antwort lautet — vermutlich ja, ein bisschen, und niemand weiß genau wie viel. Das klingt unbefriedigend. Es ist aber präziser als alles, was Hersteller und Kritiker öffentlich behaupten.

Was eine Effektstärke bedeutet

Um Wirkung zu vergleichen, benutzt die Forschung eine Maßzahl namens Effektstärke. Man muss dafür nicht rechnen können, nur eine Faustregel kennen: 0,2 ist klein, 0,5 mittel, 0,8 groß. Anschaulicher: Bei einer Effektstärke von 0,2 geht es einem durchschnittlichen Behandelten besser als 58 von 100 Unbehandelten. Bei 0,8 sind es 79 von 100.

Der entscheidende Punkt ist aber nicht die Zahl selbst, sondern womit verglichen wurde.

Wie stark die Wirkung schrumpft, wenn die Vergleichsgruppe etwas bekommt

Effektstärken digitaler psychologischer Anwendungen, nach Art der Vergleichsgruppe.

Angst0,320,19Stress0,470,09Lebensqualität0,350,02gegen inaktive Kontrollegegen aktive KontrolleSobald die Vergleichsgruppe etwas anderes bekommt statt gar nichts, schrumpfen die Effekte auf ein Fünftel bis einZwanzigstel.Goldberg u. a. (2022), PLOS Digital Health: Meta-Review über 14 Metaanalysen, 145 RCTs, 47.940 Teilnehmende. Angst gegen aktiveKontrolle 0,18–0,19. Alle deutschen DiGA-Zulassungsstudien verwenden inaktive Kontrollen.

Vergleicht man eine App mit einer Warteliste — also mit Menschen, die gar nichts bekommen —, sieht sie gut aus. Vergleicht man sie mit einer Gruppe, die irgendetwas anderes bekommt, schrumpfen die Effekte auf ein Fünftel bis ein Zwanzigstel. Bei Lebensqualität bleibt von 0,35 noch 0,02 übrig, also praktisch nichts.

Und jetzt der wichtige Satz: Alle deutschen Zulassungsstudien für DiGA verwenden inaktive Kontrollgruppen. Sie messen also die freundlichere der beiden Zahlen. CONFIRMED

Wie klein die Studien sind

Zwei Evidenzwelten in einem Feld

Zahl der Teilnehmenden in Zulassungsstudien, logarithmisch dargestellt.

somnio · kleinste DiGA-Studie56DiGA-Zulassungsstudien · Mittelwert321Autonome KI-Retinopathie · Zulassungsstudie819größte DiGA-Zulassungsstudie1.245KI-Mammographie MASAI · randomisiert80.0331001.00010.000100.000Die stärkste gemessene DiGA-Effektstärke (d = 1,79) stammt aus der kleinsten Studie mit 56 Teilnehmenden undWartelistenkontrolle.Logarithmische Skala. DiGA-Werte aus Sippli u. a. (2025), npj Digital Medicine, 23 Studien zu 21 DiGA. Grün: Studien mitobjektivem Endpunkt statt Selbstauskunft.

Eine unabhängige Auswertung aller 23 Zulassungsstudien zu 21 DiGA kam im August 2025 zu einem harten Urteil. Alle Studien berichteten mittlere bis große Effekte — aber: „All studies were evaluated to have an overall high risk of bias.“ Ausnahmslos alle. Besonders bei der Ergebnismessung (21 von 23 Studien) und bei fehlenden Daten (15 von 23).

Dazu kommt ein Muster, das man kennen sollte: In den Interventionsgruppen brachen im Schnitt 21,7 Prozent ab, in den Kontrollgruppen nur 11,8 Prozent. Wer eine App bekommt, steigt also fast doppelt so oft aus wie wer auf der Warteliste sitzt — und wer aussteigt, wird oft nicht mitgemessen. Das schönt die Ergebnisse in eine bekannte Richtung.

Die stärkste je gemessene DiGA-Wirkung (Effektstärke 1,79) stammt aus der kleinsten Studie mit 56 Teilnehmenden gegen eine Warteliste. Das ist kein Beweis für Manipulation. Es ist das statistisch Erwartbare: Kleine Studien schwanken stärker, und nach oben schwankende Ergebnisse werden eher veröffentlicht.

Die eine Studie, die die Geldfrage stellt

Fast alle Studien fragen: Geht es den Menschen besser? Nur wenige fragen: Ist es das Geld wert? Für die Depressions-App deprexis gibt es beides.

Das Ergebnis, präzise — und warum es meist falsch zitiert wird

In einer randomisierten Studie mit 3.805 Versicherten einer großen Krankenkasse sanken die Gesamtkosten in der App-Gruppe binnen eines Jahres um 1.021 Euro je Patient (minus 32 Prozent). Diese Zahl steht in fast jeder Zusammenfassung.

Was dabei weggelassen wird: In der Vergleichsgruppe sanken die Kosten ebenfalls — um 436 Euro (minus 13 Prozent). Der tatsächliche Unterschied zwischen den Gruppen beträgt also rund 585 Euro, nicht 1.021. Dieser Unterschied war statistisch gerade eben signifikant (p = 0,04).

Und noch etwas: Die Studie untersuchte auch Einzelposten — Arzneimittel, Krankenhaus, Krankengeld. Kein einziger davon unterschied sich signifikant zwischen den Gruppen (p = 0,14 / 0,25 / 0,16). Belastbar ist nur die Gesamtsumme, nicht die Erzählung, welcher Posten die Ersparnis bringt. CONFIRMED

Eine zweite, neuere Modellrechnung stellt die Frage andersherum: Ab welchem Preis wäre eine solche App der Standardbehandlung nicht nur ebenbürtig, sondern überlegen — günstiger und wirksamer? Die Antwort: unterhalb von 20,34 Euro je Quartal. Der heutige durchschnittliche Vergütungsbetrag liegt bei 227 Euro je 90 Tage — etwa das Elffache. CONFIRMED

Fairerweise gehört die Gegenrechnung dazu, und sie stammt aus einem anderen Krankheitsgebiet. Für digitale Anwendungen bei Rückenschmerzen ermittelte eine gesundheitsökonomische Modellierung Kosten von rund 5.486 Euro je gewonnenem gesunden Lebensjahr — aus gesellschaftlicher Perspektive, also inklusive Arbeitsausfall. Das liegt weit unter dem, was Gesundheitssysteme üblicherweise zu zahlen bereit sind. Nach diesem Maßstab wäre die Anwendung günstig. CONFIRMED

Beide Rechnungen sind seriös und widersprechen sich trotzdem. Der Grund ist banal und wichtig: Die eine fragt „spart die Krankenkasse Geld?“, die andere fragt „ist der Gesundheitsgewinn seinen Preis wert — für die Gesellschaft?“. Wer den Arbeitsausfall mitrechnet, kommt zu einem völlig anderen Ergebnis als wer nur das Kassenbudget sieht.

Deutschland beantwortet offiziell keine der beiden Fragen. Im DiGA-Verfahren wird gar keine gesundheitsökonomische Analyse verlangt. In Frankreich und Großbritannien ist sie Standard. CONFIRMED

Dieselbe App, drei Länder, drei Urteile

Wie unsicher der Boden ist, zeigt ein einzelnes Produkt. deprexis ist in Deutschland dauerhaft gelistet. In der Schweiz wird es seit dem 1. Juli 2026 erstattet. Und der englische NHS stufte es 2024 als nicht konform mit seinen Bewertungskriterien ein, mit der Begründung, wesentliche Inhalte deckten sich nicht mit den NICE-Leitlinien. CONFIRMED

Dasselbe Produkt, dieselbe Datenlage, drei entgegengesetzte Entscheidungen. Wer behauptet, die Evidenzfrage sei geklärt — in die eine oder die andere Richtung —, hat sie nicht gelesen.

Teil 7

Der Markt ist ein Produkt#

Wenn über „den DiGA-Markt“ gesprochen wird, klingt das nach 58 Anbietern, die um Marktanteile ringen. Die Wirklichkeit sieht anders aus, und sie ist erst seit April 2026 öffentlich.

Ein einziges Produkt trägt den Markt

Anteil an allen abgegebenen Freischaltcodes und an allen Ausgaben, Kalenderjahr 2025.

WER DEN MARKT TRÄGT — ANTEILE IM JAHR 2025Abgaben44,1 %5,94,545,5 %Ausgaben39,5 %53,452,1 %Oviva Direkt (Adipositas)ViviraKalmedaalle übrigen 54 DiGAEine einzige App steht für rund vier von zehn ausgegebenen Euro.Was als „DiGA-Markt“ wächst, ist zu großen Teilen ein einziges Adipositas-Programm. Für alle anderen 54 Anwendungenbleiben rund 100 Millionen Euro im Jahr — geteilt durch 54.Anteile für das Kalenderjahr 2025 nach dem DiGA-Bericht des GKV-Spitzenverbands, wiedergegeben in Medical Tribune (22.4.2026)und peix (13.5.2026). Absolute Stückzahlen je Anwendung veröffentlicht der Bericht nicht.

Auf ein einziges Produkt — das Adipositas-Programm Oviva Direkt — entfielen 2025 rund 44 Prozent aller abgegebenen Codes und knapp 40 Prozent aller Ausgaben. Nummer zwei, die Rücken-App Vivira, kommt auf 5,9 Prozent. Nummer drei, die Tinnitus-App Kalmeda, auf 4,5 Prozent. REPORTED

Das erklärt auch das viel zitierte Wachstum. Die Ausgaben stiegen 2025 um 63 Prozent — getragen im Wesentlichen von einer Anwendung, in einem Indikationsgebiet, das gerade aus ganz anderen Gründen im Fokus steht: Adipositas. Erstmals überholten Stoffwechselerkrankungen (34,2 Prozent) die psychischen Erkrankungen (28,3 Prozent) als größte Nutzungsgruppe.

Was das für alle anderen bedeutet

Rechnen wir die Folge aus. Von 171 Millionen Euro Jahresausgaben entfallen rund 68 Millionen auf Oviva Direkt. Bleiben etwa 103 Millionen Euro — für 54 andere Anwendungen. Im Durchschnitt sind das rund 1,9 Millionen Euro Umsatz je Anwendung und Jahr, brutto, vor Vertrieb, vor Studien, vor Zulassung, vor jeder Preisverhandlung.

Und Durchschnitt heißt hier: Die tatsächliche Verteilung ist noch schiefer, weil auch unter den 54 einige deutlich mehr abbekommen als andere.

Der Größenvergleich, der weh tut

Eine Praxissoftware-Firma wie CompuGroup Medical macht in einem Jahr mehr als das Siebenfache dessen, was die Krankenkassen im selben Jahr für sämtliche Apps auf Rezept zusammen ausgeben. Doctolib allein macht rund das Zweieinhalbfache. Die Software, die Ärzte beim Verwalten unterstützt, ist ein weit größeres Geschäft als die Software, die Patienten behandelt.

Warum sich das so schwer bewegen lässt

Wer eine App verordnen soll, sind Ärzte. 51 Prozent aller DiGA-Verordnungen stellen Hausärztinnen und Hausärzte aus — und davon entfallen 72 Prozent auf Stoffwechselerkrankungen. Bei einzelnen Produkten ist die Konzentration noch extremer: 86 Prozent der Oviva-Verordnungen kommen von Hausärzten, 78 Prozent der Vivira-Verordnungen von der Orthopädie, 86 Prozent der Kalmeda-Verordnungen von HNO-Ärzten. REPORTED

Was das heißt: Jede App hängt an einer einzigen Facharztgruppe. Wer diese Gruppe nicht erreicht, hat keinen Markt — und Ärzte erreicht man in Deutschland nicht über Werbung, sondern über Fachgesellschaften, Leitlinien und Praxissoftware. Das ist kein Wachstumsproblem, das man mit Marketingbudget löst.

Teil 8

WHAT MOST PEOPLE MISS#

Vier Befunde, die in fast jeder Berichterstattung über Apps auf Rezept fehlen — und die die Bewertung des Modells umdrehen.

01

Die übliche Sicht: „Die Hersteller nehmen die Kassen aus. Deshalb muss rückwirkend nachverhandelt werden.“ Oder, aus der Gegenrichtung: „Die Rückwirkung ist eine Enteignung, die Firmen zerstört.“

Der übersehene Mechanismus: Beide Sätze stimmen — gleichzeitig, in derselben Regel. Das Erprobungsjahr ist eine Einbahnstraße in beide Richtungen. Nach unten trägt der Hersteller das volle Preisrisiko: Was er im ersten Jahr eingenommen und ausgegeben hat, kann rückwirkend zurückgefordert werden, und zwar umso mehr, je erfolgreicher er war. Nach oben trägt die Kasse das volle Nutzenrisiko: Zahlt sie ein Jahr lang für eine App, die den Nutzen nie belegt, bekommt sie nichts zurück.

Beleg: Rückzahlungspflicht nach § 134 SGB V, dokumentiert im Fall zanadio (rückwirkend bis Oktober 2021, Insolvenz Mai 2023). Umgekehrt der Bericht des GKV-Spitzenverbands zu den 16 gestrichenen Apps: kein Rückzahlungsanspruch aus dem ersten Aufnahmejahr, Gesamtvolumen 7,53 Millionen Euro. Insgesamt beziffert der Bericht mehr als 25 Millionen Euro gefährdete Forderungen.

Warum das die Entscheidung ändert: Wer nur eine Seite sieht, schlägt eine Reform vor, die die andere Seite verschlimmert. Die 20-Prozent-Erfolgskomponente ab 2026 verschärft den Zahlungsdruck auf Hersteller, ohne das Rückforderungsrisiko der Kassen zu senken. Die eigentliche Reform wäre banal: ein gedeckelter Preis ab Tag eins statt einer Rückrechnung nach zwölf Monaten. Genau das haben Frankreich und die Schweiz gemacht.

02

Die übliche Sicht: „Der DiGA-Markt wächst kräftig — 63 Prozent im Jahr 2025. Das ist ein wachsender Markt für digitale Therapien.“

Der übersehene Mechanismus: Das Wachstum ist kein Kategorie-Effekt, sondern ein Produkt-Effekt. Eine einzige Adipositas-Anwendung steht für rund 44 Prozent der Abgaben und 40 Prozent der Ausgaben. Sie wächst in einem Indikationsgebiet, das gerade aus Gründen boomt, die mit Software nichts zu tun haben. Für alle übrigen 54 Anwendungen zusammen bleibt ein Markt von rund 103 Millionen Euro im Jahr.

Beleg: DiGA-Bericht des GKV-Spitzenverbands für 2025: Oviva Direkt 44,1 Prozent der Abgaben, 39,5 Prozent der Ausgaben; Stoffwechsel löst Psyche als größte Indikationsgruppe ab (34,2 gegen 28,3 Prozent). Jahresausgaben 2025: 171 Millionen Euro.

Warum das die Entscheidung ändert: Die richtige Frage an einen Anbieter ist nicht „Wie schnell wächst der DiGA-Markt?“, sondern „Wie groß ist deine Indikation, und wie viele Ärzte einer einzigen Facharztgruppe musst du überzeugen?“ Wer diese Zahl nicht nennen kann, plant gegen einen Marktdurchschnitt, den es nicht gibt.

03

Die übliche Sicht: „Deutschland ist internationaler Vorreiter bei digitalen Gesundheitsanwendungen. Andere Länder ziehen nach.“

Der übersehene Mechanismus: Andere Länder ziehen tatsächlich nach — aber keines hat das deutsche Modell übernommen. Alle haben dieselbe Idee kopiert (schneller Zugang, Evidenz später) und dabei systematisch den teuersten deutschen Konstruktionsfehler vermieden: den frei gesetzten Herstellerpreis im ersten Jahr. Frankreich deckelt auf 780 Euro im Jahr, ab Tag eins. Die Schweiz berechnet den Preis nach einer offengelegten Kostenformel, ab Tag eins. Belgien zahlt erst auf der höchsten Prüfstufe. Großbritannien zahlt gar keinen Produktpreis. Dänemark empfiehlt, ohne zu zahlen.

Beleg: Frankreich: 435 Euro im ersten Quartal, danach 38,30 Euro monatlich, maximal 780 Euro im Jahr, ein Jahr, nicht verlängerbar. Schweiz: Höchstvergütungsbetrag aus einer Formel mit offengelegten Parametern, erstes Produkt seit 1. Juli 2026. Eine HTA-Vergleichsstudie hält für Deutschland fest, dass im Verfahren „no economic analysis is requested or performed“ und dass die Bewertungen nicht öffentlich sind.

Warum das die Entscheidung ändert: Deutschland ist Vorreiter im Sinne des Zeitpunkts und des Volumens, nicht der Methodik. Wer das deutsche Modell für ein anderes Land plant oder als Exportgut verkauft, verkauft ein Testlabor als Blaupause. Und wer als Anbieter auf europäische Skalierung setzt: Es gibt keine europäische Skalierung. Es gibt sechs verschiedene Systeme mit sechs verschiedenen Preislogiken.

04

Die übliche Sicht: „Digital Health ist unterfinanziert — es fließt zu wenig Kapital in den Sektor.“

Der übersehene Mechanismus: Für den erstatteten Teil gilt das Gegenteil. In deutsche Digital-Health-Unternehmen flossen 2025 je nach Zählweise 520 bis 610 Millionen US-Dollar Wagniskapital. Der gesamte erstattete Markt, den diese Unternehmen bedienen können, betrug im selben Jahr 171 Millionen Euro. Es fließt mehr Kapital in den Sektor, als der regulierte Markt in einem Jahr ausschüttet.

Beleg: Deutschland 2025 — 523,9 Millionen US-Dollar über 48 Deals nach dem einen Tracker, 612 Millionen US-Dollar nach dem anderen; die beiden widersprechen sich sogar in der Richtung (Anstieg gegen Rückgang). GKV-Ausgaben 2025: 171 Millionen Euro, davon rund 40 Prozent auf ein Produkt.

Warum das die Entscheidung ändert: Das Kapital sucht nicht den DiGA-Markt — es sucht etwas anderes und nimmt die DiGA-Zulassung mit. Die größten deutschen Runden 2025 und 2026 gingen an ein medizinisches Nachschlagewerk, an Praxis-Abrechnung, an Klinik-Software und an Spracherkennung für die Pflege. Wo Geld in Digital Health verdient wird, ist es Infrastruktur, nicht Therapie.

Teil 9

Wer bekommt eigentlich das Geld?#

Die nützlichste Übung bei jedem Gesundheitsmarkt ist, einem einzelnen Euro zu folgen. Nehmen wir eine durchschnittliche Verordnung nach der Preisverhandlung: 227 Euro.

WerBekommtWofür
Hersteller227 €90 Tage Nutzung, im Schnitt nach Verhandlung; im ersten Jahr im Schnitt 544 €
Ärztin oder Arzt8,15 €Verlaufskontrolle und Auswertung, einmal im Behandlungsfall
Apotheke0 €nicht beteiligt — der Code kommt von der Kasse
Krankenkassezahltplus Verwaltung für Genehmigung und Codeversand
Versicherte0 €keine Zuzahlung — noch nicht, siehe Teil 14

Zwei Dinge fallen auf. Erstens: Für die Verordnung selbst gibt es kein Honorar. Die frühere Zusatzpauschale entfiel Ende 2022; seither ist der Aufwand in die allgemeine Versichertenpauschale eingerechnet. Vergütet wird nur die spätere Verlaufskontrolle, mit 8,15 Euro.

Zweitens — und das ist die eigentliche Merkwürdigkeit: Diese 8,15 Euro gibt es je Anwendung einzeln. Für jede dauerhaft aufgenommene DiGA muss der Bewertungsausschuss erst eine eigene Abrechnungsziffer schaffen. Für die Fatigue-App Untire, im September 2025 dauerhaft aufgenommen, wurde keine geschaffen. Wer sie verordnet und begleitet, bekommt dafür nichts. CONFIRMED

Was das heißt: Die Person, die entscheidet, ob eine App zum Einsatz kommt, verdient daran fast nichts und trägt den gesamten Erklär- und Nachfrageaufwand. Das ist kein Anreizproblem am Rand — es ist der Grund, warum die Verordnungen sich auf wenige Produkte konzentrieren, für die es eingespielte Wege gibt.

Der Markt im Größenvergleich

Wo im deutschen Digital-Health-Markt tatsächlich Umsatz entsteht

Jahresumsatz beziehungsweise Ausgaben der Krankenkassen, in Millionen Euro.

CompuGroup Medical · Umsatz 20251.213 Mio. €Doctolib · Umsatz 2025422 Mio. €Alle DiGA · GKV-Ausgaben 2020–2025401 Mio. €Alle DiGA · GKV-Ausgaben 2025171 Mio. €04008001.200Der gesamte erstattete DiGA-Markt eines Jahres ist kleiner als ein Siebtel des Umsatzes eines einzigenPraxissoftware-Anbieters.CompuGroup: Geschäftsbericht 2025. Doctolib: Konzernumsatz 2025, Sekundärquelle. DiGA: GKV-Spitzenverband, kumuliert1.9.2020–31.12.2025 beziehungsweise Jahreswert 2025.

Eine Warnung zu den Zahlen, die alle zitieren

AREF SIGNAL Die offiziellen Jahreswerte addieren sich nicht zur offiziellen Summe

Der DiGA-Bericht nennt für 2020/21 bis 2025 die Jahreswerte 20, 60, 64, 106 und 171 Millionen Euro. Zusammengerechnet sind das 421 Millionen. Als kumulierte Gesamtsumme nennt derselbe Bericht 401 Millionen. Die Differenz beträgt exakt 20 Millionen Euro.

Die Gegenprobe über den Vorjahresbericht (234 Millionen kumuliert bis Ende 2024) stützt die kleinere Zahl: 401 minus 171 ergibt 230, was zu 234 passt. Einer der Jahreswerte ist also zu hoch — welcher, ist aus den öffentlichen Unterlagen nicht ableitbar.

Praktische Folge: Wer mit diesen Zahlen arbeitet, sollte den kumulierten Wert verwenden und die Jahreswerte als Näherung kennzeichnen. Und man sollte wissen, dass eine viel zitierte Fachpublikation im April 2026 die kumulierten 234 Millionen als Jahresausgabe 2024 wiedergegeben hat — ein Faktor von mehr als zwei.

Teil 10

Deutschland im internationalen Vergleich#

Der Satz „Deutschland ist Vorreiter“ steht in fast jedem Text über DiGA. Er stimmt — für eine Bedeutung von Vorreiter, die man aussprechen sollte.

Niemand hat das deutsche Modell übernommen

Erstattungswege für digitale Anwendungen im Vergleich, Stand September 2026.

WAS ANDERE LÄNDER AUS DEM DEUTSCHEN MODELL GEMACHT HABENLANDPREIS IM ERSTEN JAHREVIDENZ VOR DER ZAHLUNGTATSÄCHLICH BEZAHLTDeutschlandHersteller setzt ihn frei;Nachverhandlung wirktrückwirkendnicht nötig — 12 bis 24Monate Erprobung58 gelistetFrankreichgedeckelt: 435 € im erstenQuartal, max. 780 € imJahrEignungsprüfung vorab,ein Jahr, nichtverlängerbar1 Therapie-AppSchweizaus einer Kostenformelberechnet, ab Tag einsAufnahme in die MiGeLnach Prüfung1 ProduktBelgienErstattung erst auf derhöchsten Prüfstufedrei Stufen; Geld erstauf Stufe 38 AppsGroßbritannienkein Produktpreis; Kaufaus dem laufendenNHS-BudgetNICE-Empfehlung, danndrei Jahre Datensammlungkein Preis je ProduktDänemarkkeine ErstattungamtlicheEmpfehlungsliste ohneGeld0Kein Land hat das deutsche Modell übernommen. Alle haben die Idee kopiert — schneller Zugang, Evidenz später — und denteuersten deutschen Konstruktionsfehler vermieden: den frei gesetzten Preis im ersten Jahr.Stände: Deutschland 31.12.2025 (GKV-Spitzenverband); Frankreich August 2026 (erste über PECAN erstattete Therapie-App); Schweiz1.7.2026 (BAG); Belgien 29.9.2025; Großbritannien NICE-Verfahrenshandbuch PMG48; Dänemark 27.6.2025 (sieben empfohlene Apps,keine Erstattung).

Frankreich hat gedeckelt

Frankreich startete 2023 ein Verfahren namens PECAN, das der deutschen Erprobung ähnelt: früher Zugang, Nachweis später. Aber der Preis ist von Anfang an festgelegt — 435 Euro im ersten Quartal, danach 38,30 Euro im Monat, höchstens 780 Euro im Jahr. Und die Frist beträgt ein Jahr, nicht verlängerbar.

Das Ergebnis ist ernüchternd: Über drei Jahre lang wurde keine einzige therapeutische Anwendung tatsächlich über PECAN erstattet. Die erste — ein Lese-Trainingsprogramm für Kinder mit Legasthenie — ist seit dem 3. August 2026 erstattungsfähig. Ein deutscher Anbieter, HelloBetter, scheiterte 2024 mit seinem Antrag. CONFIRMED

Die Schweiz rechnet den Preis aus

Die Schweiz hat den vielleicht interessantesten Weg gewählt. Seit dem 1. Juli 2026 werden digitale Anwendungen zur Verhaltenstherapie bei Depressionen erstattet — und der Preis wird nicht verhandelt, sondern nach einer veröffentlichten Formel berechnet. Die Parameter stehen in einem amtlichen Dokument: Betriebskosten höchstens 200.000 Franken im Jahr, Wartung höchstens 60.000, Markteintritt pauschal 250.000, zwei Franken je Codezeile, Abschreibung über drei Jahre.

Das erste Produkt ist deprexis. Der Höchstvergütungsbetrag beträgt 193,32 Franken für 90 Tage. Man mag die Formel für schematisch halten — aber sie ist von Tag eins bekannt, für alle gleich, und niemand muss hinterher etwas zurückzahlen. CONFIRMED

Großbritannien zahlt keinen Produktpreis

Der NHS kauft digitale Therapien aus dem laufenden Budget, nach einer Empfehlung des Bewertungsinstituts NICE und einer dreijährigen Datensammlungsphase. Es gibt keine Positivliste mit Preisen. Es gibt auch keine zentrale Ausgabenstatistik — niemand in Großbritannien kann sagen, was digitale Therapien den NHS kosten. Das ist der Preis dieses Modells.

Die USA bezahlen die Ärztin, nicht die App

Seit Januar 2025 gibt es in der amerikanischen Medicare-Abrechnung drei neue Ziffern für digitale psychiatrische Behandlungsgeräte. Sie vergüten die ärztliche Betreuungszeit rund um die Anwendung — etwa 40 bis 52 Dollar je Monatsintervall. Für das Produkt selbst gibt es keinen bundesweiten Preis; jeder regionale Kostenträger setzt ihn selbst fest.

Wie brutal das für Anbieter ist, zeigt der bekannteste Fall der Branche. Pear Therapeutics ging 2021 mit einer Bewertung von rund 1,6 Milliarden Dollar an die Börse. 2023 wurde das Unternehmen zerschlagen und in einer Insolvenzauktion für 6,05 Millionen Dollar an vier Käufer verkauft — ein Wertverlust von über 99 Prozent. Der Grund war nicht fehlende Wirksamkeit, sondern fehlende Erstattung. Die neuen Abrechnungsziffern kamen zwei Jahre zu spät. REPORTED

Dänemark empfiehlt, ohne zu zahlen

Dänemark veröffentlichte im Juni 2025 als eines der ersten Länder eine amtliche Empfehlungsliste für Gesundheits-Apps. Inzwischen stehen sieben darauf. Die Liste sagt ausdrücklich: keine Erstattung, kein Tarif, keine Nutzungsgebühr. Ein Qualitätssiegel ohne Geld.

Die Bilanz in einem Satz

Deutschland hat 1,6 Millionen Verordnungen und 401 Millionen Euro Ausgaben. Frankreich hat eine erstattete Therapie-App. Belgien acht. Die Schweiz eine. Dänemark keine. Deutschland ist mit Abstand das Land mit dem größten realen Versorgungsvolumen — und zugleich dasjenige mit der geringsten Prüftiefe. Eine Vergleichsstudie hält fest, dass im deutschen Verfahren keine gesundheitsökonomische Analyse verlangt wird und dass die Bewertungen nicht öffentlich einsehbar sind. In Großbritannien und Frankreich ist beides Standard.

Teil 11

Was sich bis 2029 ändert#

Das Regelwerk ist gerade in Bewegung wie seit 2020 nicht mehr. Wer heute plant, plant gegen fünf Fristen gleichzeitig.

Was gilt, was kommt, und wann

Regulatorische Wegmarken für Gesundheits-Apps und Medizinproduktesoftware.

19.12.2019Digitale-Versorgung-Gesetz — der Erstattungsanspruch entsteht20.04.2020DiGAV — der Fast-Track öffnet26.05.2021MDR gilt vollständig — Regel 11 hebt Software in Klasse IIa26.03.2024Digital-Gesetz — Klasse IIb wird DiGA-fähig01.01.2025BSI-Zertifikat für Datensicherheit verpflichtend29.04.2025Bundesweiter ePA-Rollout beginnt01.10.2025ePA-Nutzung für Leistungserbringer verpflichtend01.01.2026Mindestens 20 % erfolgsabhängige Vergütung01.02.2026Anwendungsbegleitende Erfolgsmessung eingeführt26.03.2027EHDS gilt allgemein31.12.2027MDR-Übergangsfrist endet für Klasse III02.08.2028KI-Verordnung: Hochrisikopflichten für Medizinprodukte26.03.2029EHDS: EHR-Systeme müssen konform seinFett: Wegmarken mit unmittelbarer Wirkung auf Zulassung, Preis oder Marktzugang. Die KI-Frist wurde durch dieDigital-Omnibus-Verordnung vom 8. Juli 2026 von 2027 auf 2028 verschoben.

Die drei Fristen, auf die es ankommt

15. Oktober 2026 — die erste Meldung. Ab diesem Tag müssen Hersteller erstmals melden, wie ihre Anwendung tatsächlich benutzt wird: Nutzungsdauer, Nutzungshäufigkeit und Abbruchquoten. Damit endet die heute größte Informationslücke — bislang liegen die Nutzungsdaten bei den Herstellern, nicht bei den Zahlern. CONFIRMED

15. April 2028 — was die Patienten sagen. Zweite Stufe: strukturiert erhobene Rückmeldungen der Nutzenden.

15. April 2029 — krankheitsspezifische Ergebnisse. Dritte Stufe: indikationsbezogene Fragebögen, also die eigentliche Wirkungsmessung im Alltag.

Dazu kommt seit dem 1. Januar 2026 die Pflicht, mindestens 20 Prozent des Vergütungsbetrags erfolgsabhängig zu gestalten.

Warum die erste Frist die wichtigste ist

Bis Oktober 2026 kann jeder Anbieter behaupten, seine App werde gut genutzt. Danach steht es in einer Meldung. Wer heute eine Nutzungsquote von deutlich unter der Hälfte hat, hat noch etwa ein Jahr, bevor das aktenkundig wird.

Für Kassen und Politik ist es die erste belastbare Grundlage überhaupt: Ohne Abbruchquoten war die Debatte über den Nutzen bislang eine Debatte über Studien, die im Schnitt 321 Teilnehmende hatten. Danach ist sie eine Debatte über 695.000 tatsächliche Anwendungen im Jahr.

Und was drumherum passiert

Zwei europäische Regelwerke ändern die Rahmenbedingungen unabhängig vom Erstattungsrecht. Der Europäische Gesundheitsdatenraum gilt ab März 2027 allgemein, für Patientenaktensysteme ab März 2029. Die KI-Verordnung bringt ab August 2028 Hochrisikopflichten für Medizinprodukte mit KI-Anteil — die Frist wurde im Juli 2026 um ein Jahr nach hinten verschoben. Wer heute ein KI-Modul in eine zugelassene Anwendung baut, baut in eine Anforderung hinein, deren Detailregeln noch nicht final sind. REPORTED

Teil 12

Wer finanziert das — und wer ist schon weg#

Wenn ein Markt klein ist und die Regeln hart sind, entscheidet sich vieles daran, wie geduldig das Kapital ist. Deshalb lohnt der Blick auf Geld und Ausgänge.

Das Kapital ist zurück — aber nicht für alle

Wagniskapital in Digital Health, in Milliarden US-Dollar.

USA · MRD. US-DOLLAR PRO JAHR29,1202115,3202210,7202310,5202414,220252025 IM VERGLEICH · MRD. US-DOLLARUSA14,2Europa6,2Deutschland0,6Der Einbruch gegenüber 2021 beträgt in den USA gut die Hälfte — aber die Zahl der Finanzierungsrunden fiel weitstärker als das Volumen.USA nach Rock Health (nur Deals über 2 Mio. $); Regionen nach Galen Growth. Die Definitionen unterscheiden sich, die Werte sindzwischen den Anbietern nicht direkt vergleichbar.

Eine Warnung vorweg: Diese Zahlen sind weicher, als sie aussehen

Es gibt keine amtliche Statistik für Wagniskapital in Digital Health. Was zitiert wird, kommt von privaten Datenanbietern, die unterschiedliche Dinge zählen. Für Deutschland 2025 nennt der eine 523,9 Millionen US-Dollar über 48 Finanzierungsrunden und spricht von einem deutlichen Anstieg. Der andere nennt 612 Millionen und spricht von einem Rückgang. Beide veröffentlichen ihre Abgrenzung nicht. REPORTED

Eine dritte Quelle, die Sektoren breiter fasst, kommt für „Health“ insgesamt auf 1.074 Millionen Euro im Jahr 2025 — aber die drei größten darin gezählten Runden waren ein Biotech-Unternehmen, eine orthopädische Klinikkette und ein Spracherkennungs-Anbieter für die Pflege. Nur der dritte ist Digital Health im engeren Sinn.

Praktische Folge: Jede Aussage der Form „der deutsche Digital-Health-Markt hat X eingesammelt“ sollte man nach der Definition fragen. Meist ist die Antwort: eine andere als die, die man erwartet.

Wohin das Geld tatsächlich geht

Die größten deutschen Runden der letzten zwei Jahre erzählen eine klare Geschichte. 240 Millionen Euro für ein medizinisches Nachschlagewerk für Ärzte. 52 Millionen für Praxisabrechnung. 50 Millionen für Spracherkennung in der Pflegedokumentation. 31 Millionen für Klinik-Software. 200 Millionen Euro für einen europäischen Ernährungstherapie-Anbieter, der über eine Million Patienten betreut hat.

Kein einziger dieser Beträge ging an ein reines DiGA-Geschäft. Die klassischen DiGA-Anbieter finanzieren sich seit 2023 in einer anderen Größenordnung: gut sechs Millionen Euro für einen Depressions-Anbieter, eine Aufstockung auf 15 Millionen Dollar für einen urologischen Anbieter, eine Wachstumsfinanzierung ohne genannten Betrag für einen Rücken-Anbieter. Für mehrere bekannte Namen ließ sich seit 2022 überhaupt keine Runde mehr finden. REPORTED

Die Ausgänge

Interessanter als das eingesammelte Geld ist, wie die Geschichten enden. Seit 2022 lässt sich Folgendes belegen:

UnternehmenWas passiertePreis
mementor (somnio)Übernahme durch ResMed, August 2022nicht offengelegt
Newsenselab (M-sense)Preis auf 10 € gesenkt, Streichung April 2022, Insolvenz
aidhere (zanadio)Insolvenz Mai 2023, Verkauf an Sidekick Health Oktober 2023nicht offengelegt
HiDoc (Cara Care)Insolvenz September 2024, Übernahme durch Bayer Anfang 2025nicht offengelegt
SelfapyÜbernahme durch MEDICE, März 2025; Altinvestoren ausgestiegennicht offengelegt
Kaia HealthÜbernahme durch Sword Health, Januar 2026285 Mio. $

Zwei Muster. Erstens: Fast alle Ausgänge sind Verkäufe an strategische Käufer, und fast keiner nennt einen Preis — was bei erfolgreichen Verkäufen unüblich ist. Zweitens: Der einzige offengelegte, große Preis gehört zu einem Unternehmen, dessen Wert im amerikanischen Geschäft lag. Der Käufer will die Marke in den USA ersetzen, aber in Deutschland behalten — wegen der DiGA-Zulassungen.

Der Bericht der Krankenkassen zählt bis Ende 2025 insgesamt neun Herstellerinsolvenzen und beziffert die dadurch gefährdeten Rückforderungen auf über 25 Millionen Euro. REPORTED

Der Vergleich, der alles einordnet

Doctolib — ein Terminbuchungs- und Praxissoftware-Anbieter, kein Therapieanbieter — machte 2025 einen Umsatz von rund 422 Millionen Euro und wurde im April 2026 in einem Anteilsverkauf mit 3,6 Milliarden Euro bewertet, 38 Prozent unter der Bewertung von 2022. Selbst nach diesem Abschlag ist ein einziges Infrastrukturunternehmen mehr wert, als der gesamte erstattete DiGA-Markt in zwanzig Jahren ausschütten würde.

Teil 13

FOUNDER LENS#

Wenn man aus alldem eine einzige Marktlücke ableiten müsste, dann diese — und sie ist unangenehm klein, unangenehm langweilig und ziemlich sicher real.

DER KEIL Nutzungsnachweis als Dienstleistung, nicht als App

Der Anlass: Am 15. Oktober 2026 müssen alle DiGA-Hersteller erstmals melden, wie ihre Anwendung genutzt wird — Dauer, Häufigkeit, Abbruchquoten. Zwei Jahre später kommen Patientenrückmeldungen dazu, ein Jahr darauf krankheitsspezifische Ergebnisse. Parallel müssen seit Januar 2026 mindestens 20 Prozent des Preises erfolgsabhängig sein.

Das Problem, das dadurch entsteht: Rund 58 gelistete Anwendungen brauchen ab sofort eine belastbare, prüffähige, laufende Messinfrastruktur — Ereigniserfassung, Kohortenauswertung, Abbruchdefinitionen, die vor einer Kasse standhalten, und eine Berichtsform, die zum Meldeschema passt. Kaum ein Anbieter mit 1,9 Millionen Euro Jahresumsatz kann das intern bauen. Und der Fehler ist teuer: Wer eine Abbruchquote falsch definiert, verhandelt seinen eigenen Preis kaputt.

Warum das kein Produkt für Verbraucher ist: Der Kunde ist der Hersteller, nicht der Patient. Die Zahl der Kunden ist zweistellig. Der Vertrag ist eine Jahresgebühr, kein Nutzungspreis. Das ist unglamourös — und genau deshalb hat es kein Wagniskapital finanziert.

Wie groß das ist: Ehrlich gerechnet klein. Bei 58 Anbietern und einer plausiblen Jahresgebühr im mittleren fünfstelligen Bereich reden wir über einen adressierbaren Markt von wenigen Millionen Euro im Jahr — in Deutschland. Das ist kein Wagniskapital-Fall. Es ist ein gutes, profitables Beratungs- und Softwaregeschäft für ein Team von fünf Leuten. Wer es als Wachstumsgeschichte verkauft, lügt sich in die eigene Finanzplanung.

Was dagegen spricht: Der Bewertungsausschuss und der GKV-Spitzenverband könnten das Meldeschema so weit standardisieren, dass es zur Checkbox in bestehender Analytiksoftware wird. Die großen Anbieter — die, denen 44 Prozent des Marktes gehören — bauen es intern. Und die Frist kann sich verschieben; im deutschen Gesundheitsrecht ist das eher Regel als Ausnahme.

Einschätzung: Machbar, real terminiert, ehrlich begrenzt. Ein Geschäft für jemanden, der Regulierung lesen kann und keine Einhorn-Ambitionen hat — nicht für jemanden, der „im DiGA-Markt“ sein will.

Teil 14

Drei Wege, die das System nehmen kann#

Das Modell steht politisch unter Druck, und der Druck kommt inzwischen von der Kostenseite. Die entscheidende Weiche liegt bei der Frage, ob Versicherte künftig etwas dazuzahlen.

Was schon auf dem Tisch liegt

Eine Regierungskommission zur Finanzstabilität der Krankenkassen hat 2026 eine ganze Reihe von Sparvorschlägen gemacht. Einer davon betrifft DiGA direkt: eine Selbstbeteiligung von 10 Prozent des Vergütungsbetrags, in einer Variante 10 Prozent plus 15 Euro. Bei 227 Euro wären das rund 23 beziehungsweise 38 Euro je Verordnung.

Im Gesetz gelandet ist das bisher nicht. Ein Stabilisierungsgesetz passierte im Juli 2026 ohne DiGA-Regelung. Der Vorschlag liegt also weiter da — und die Ausgabenkurve macht ihn wahrscheinlicher, nicht unwahrscheinlicher. REPORTED

Szenario A — Zuzahlung kommt wahrscheinlich

Was passiert: Versicherte zahlen 10 Prozent oder 10 Prozent plus 15 Euro. Folge: Die Aktivierungsquote fällt. Heute lösen 82 Prozent ihren Code ein — bei einer Zuzahlung von 23 bis 38 Euro dürfte diese Quote spürbar sinken, vor allem bei niedrigen Einkommen. Das trifft die Anbieter doppelt: weniger Einlösungen bedeuten weniger Umsatz und schlechtere Nutzungsdaten, die ab Oktober 2026 gemeldet werden müssen. Wer daran denkt: Anbieter sollten heute wissen, wie preiselastisch ihre Zielgruppe ist. Fast keiner weiß es.

Szenario B — Preisdeckel von Anfang an möglich

Was passiert: Der Gesetzgeber ersetzt die freie Preissetzung im ersten Jahr durch einen Höchstbetrag ab Tag eins — das französische oder schweizerische Modell. Folge: Die Rückwirkung verliert ihren Schrecken, weil es nichts mehr zurückzurechnen gibt. Die Anschubfinanzierung, die heute 544 Euro je Verordnung beträgt, fällt weg; damit wird der Markteintritt für kapitalschwache Anbieter deutlich schwerer. Für wen gut, für wen schlecht: Gut für etablierte Anbieter mit Bestand, schlecht für Neugründungen. Es wäre die sauberste Reform und zugleich die, die die Anbieterzahl weiter senkt.

Szenario C — es bleibt, wie es ist nicht auszuschließen

Was passiert: Die neuen Melde- und Erfolgspflichten wirken, die Preise sinken weiter durch Verhandlung, sonst ändert sich nichts. Folge: Die Bereinigung läuft über Attrition statt über Reform. Die Anträge, die 2021 noch bei 68 lagen und 2025 bei 23, sinken weiter. Der Markt konsolidiert sich auf eine Handvoll Produkte mit klarer Facharztanbindung.

In allen drei Szenarien gilt dasselbe: Die Zahl der Anbieter sinkt. Sie unterscheiden sich nur darin, ob das schnell und geordnet passiert oder langsam und durch Insolvenzen.

Teil 15

RED FLAGS#

Woran man erkennt, dass eine Aussage über Apps auf Rezept nicht belastbar ist — egal ob sie von einem Anbieter, einer Kasse oder einer Zeitung kommt.

  1. „Die GKV hat 234 Millionen Euro für DiGA ausgegeben“ — ohne Jahresangabe. Das ist der kumulierte Wert seit 2020, nicht ein Jahreswert. Mehrere Fachpublikationen haben ihn als Jahreswert 2024 wiedergegeben. Bei jeder DiGA-Zahl zuerst fragen: kumuliert oder Jahr?
  2. Effektstärken ohne Angabe der Kontrollgruppe. Gegen eine Warteliste sieht fast alles gut aus. Die ehrliche Zahl ist die gegen eine aktive Vergleichsgruppe — und die ist meist um den Faktor fünf bis zwanzig kleiner.
  3. „Studienbelegte Wirksamkeit“ als Qualitätssiegel. Alle 23 untersuchten DiGA-Zulassungsstudien wurden unabhängig als mit hohem Verzerrungsrisiko behaftet eingestuft. Ausnahmslos. Die Frage ist nicht, ob es eine Studie gibt, sondern wie groß sie war und wogegen sie verglichen hat.
  4. Marktzahlen, die Infrastruktur und Therapie vermischen. Wenn ein „Digital-Health-Markt“ von mehreren Milliarden die Rede ist, stecken darin Praxissoftware, Terminbuchung, Klinik-IT und Biotech. Der erstattete Therapiemarkt beträgt 171 Millionen Euro im Jahr.
  5. Wachstumsraten ohne Produktaufschlüsselung. Die 63 Prozent Wachstum in 2025 sind zu großen Teilen ein Adipositas-Programm. Wer daraus auf sein eigenes Indikationsgebiet schließt, rechnet mit fremdem Rückenwind.
  6. „Deutschland ist Vorbild für Europa.“ Kein Land hat das deutsche Preismodell übernommen. Alle Nachfolger haben genau den Teil ausgelassen, der hier Insolvenzen verursacht hat.
  7. Nutzungszahlen aus Herstellerhand ohne Abbruchdefinition. Bis Oktober 2026 gibt es keine verbindliche Definition, was ein Abbruch ist. Jede vorher genannte Quote ist eine Hausdefinition.
  8. Ein Anbieter, der auf die Frage nach seiner Facharztgruppe keine Zahl nennt. Verordnungen kommen in dieser Branche zu 78 bis 86 Prozent aus einer einzigen Gruppe. Wer das nicht weiß, hat keinen Vertrieb, sondern eine Hoffnung.
Teil 16

Was man damit anfängt#

Wenn Sie Patientin oder Patient sind

Eine App auf Rezept kostet Sie nichts und kann helfen — insbesondere in der Wartezeit auf einen Therapieplatz, die in Deutschland oft Monate beträgt. Der wichtigste Hinweis: Lösen Sie den Code ein. 18 Prozent aller ausgegebenen Codes werden nie eingelöst; die Kasse hat trotzdem bezahlt. Und wenn die App nach zwei Wochen nichts bringt, ist das eine Information für Ihre Ärztin — kein persönliches Versagen. Ein Ersatz für eine Psychotherapie ist keine dieser Anwendungen, und keine behauptet das.

Wenn Sie verordnen

Zwei Dinge lohnen sich zu wissen. Erstens: Für die Verordnung selbst gibt es kein Honorar, für die Verlaufskontrolle 8,15 Euro einmal im Behandlungsfall — und nur, wenn für die betreffende Anwendung überhaupt eine Abrechnungsziffer existiert. Zweitens: Die Evidenzlage ist bei den meisten Anwendungen schwächer als die Werbung suggeriert, aber nicht null. Für die Überbrückung bis zum Therapieplatz ist die realistische Alternative meist nicht „bessere Behandlung“, sondern „keine Behandlung“. Das ist der Vergleich, der zählt.

Wenn Sie gründen oder investieren

Rechnen Sie das Geschäft mit dem Verhandlungspreis, nicht mit dem Listenpreis — also mit rund 227 statt 544 Euro. Rechnen Sie damit, dass die Differenz aus dem ersten Jahr rückwirkend zurückgefordert werden kann, und legen Sie sie zurück, statt sie in Wachstum zu stecken. Bestimmen Sie Ihre Facharztgruppe namentlich und zählen Sie, wie viele Personen das sind. Und stellen Sie sich die Frage, die dieser Bericht nahelegt: Ist Ihr Geschäft die Therapie — oder die Infrastruktur um sie herum? Das Geld ist bisher fast ausschließlich im zweiten Teil verdient worden.

Wenn Sie Politik oder Kasse sind

Die drei Eingriffe mit dem besten Verhältnis von Wirkung zu Aufwand: Erstens ein Höchstbetrag ab Tag eins statt einer Rückrechnung nach zwölf Monaten — das beseitigt die Insolvenzursache, ohne die Kassen schlechter zu stellen. Zweitens eine gesundheitsökonomische Prüfung im Aufnahmeverfahren; heute wird keine verlangt, in Frankreich und Großbritannien ist sie Standard. Drittens die Veröffentlichung der Bewertungen. Dass die Prüfberichte nicht öffentlich sind, ist der Punkt, an dem internationale Vergleichsstudien Deutschland am schärfsten kritisieren — und er ließe sich ohne Gesetzesänderung beheben.

Teil 17

MY CALL#

Das deutsche Modell funktioniert als Versorgungsangebot und scheitert als Geschäftsmodell — und der Grund dafür ist eine einzige Regel, die niemand außerhalb Deutschlands übernommen hat.

Nach allem, was in diesem Bericht steht, halte ich Folgendes für richtig, mit der jeweiligen Sicherheit.

Erstens, mit hoher Sicherheit: Die Rückwirkung ist der Konstruktionsfehler, nicht die Preishöhe. Dass ein Preis von 544 auf 227 Euro fällt, ist harte, aber normale Regulierung. Dass er rückwirkend gilt und der Erfolgreichere mehr zurückzahlen muss, ist etwas anderes: eine Regel, die genau die Anbieter bestraft, die das System eigentlich will. Zwei dokumentierte Insolvenzen, davon eine beim meistverordneten Produkt des Landes, sind keine Zufallsereignisse. Und der Beleg dafür, dass es anders geht, steht in vier Nachbarländern.

Zweitens, mit hoher Sicherheit: Es gibt keinen DiGA-Markt. Es gibt ein Produkt und einen langen Schwanz. 44 Prozent der Abgaben und 40 Prozent der Ausgaben entfallen auf eine einzige Anwendung. Für alle anderen zusammen bleiben rund 103 Millionen Euro im Jahr — im Schnitt 1,9 Millionen je Anbieter, brutto. Jede Geschäftsplanung, die mit „der Markt wächst um 63 Prozent“ beginnt, plant mit fremdem Wachstum.

Drittens, mit mittlerer Sicherheit: Die Evidenzfrage ist offen — und sie wird zugunsten der Apps ausgehen, aber zu einem niedrigeren Preis. Die Studien sind klein, verzerrungsanfällig und gegen Wartelisten geführt. Gleichzeitig zeigt die größte Kostenstudie einen echten, wenn auch kleineren Unterschied als meist behauptet — rund 585 Euro je Patient und Jahr, nicht 1.021 —, und eine Modellierung aus gesellschaftlicher Perspektive kommt auf Kosten je gewonnenem Lebensjahr, die weit unter den üblichen Zahlungsschwellen liegen. Mein Schluss: Diese Anwendungen sind wahrscheinlich etwas wert — vermutlich deutlich weniger als 227 Euro und deutlich mehr als null. Die Schwelle von 20,34 Euro je Quartal halte ich für zu streng, weil sie nur das Kassenbudget kennt und den Arbeitsausfall ignoriert, den die Gesellschaft trägt.

Viertens, mit hoher Sicherheit: Wer in diesem Feld Geld verdienen will, sollte auf Infrastruktur setzen, nicht auf Therapie. Ein Terminbuchungsanbieter macht das Zweieinhalbfache des gesamten erstatteten Marktes. Ein Praxissoftware-Anbieter das Siebenfache. Die größten deutschen Finanzierungsrunden der letzten zwei Jahre gingen ausnahmslos an Werkzeuge für Behandelnde, nicht an Behandlungen für Patienten. Das ist kein vorübergehender Zustand, sondern folgt daraus, wie das System Preise setzt: Infrastruktur wird verhandelt, Therapie wird festgesetzt.

Fünftens, was ich nicht weiß und niemand weiß: Wie viele Menschen eine verordnete App tatsächlich zu Ende benutzen. Das ist die zentrale Zahl dieses ganzen Feldes, und sie existiert bis heute nicht öffentlich. Am 15. Oktober 2026 wird sie erstmals gemeldet. Ich würde jede Aussage über den Nutzen dieses Systems — meine eigene eingeschlossen — an dem Tag noch einmal prüfen.

Und eine Einordnung zum Schluss, die man in der Debatte selten hört: Deutschland hat als erstes Land der Welt einen Rechtsanspruch darauf geschaffen, dass eine geprüfte Software zulasten der Krankenversicherung verordnet werden kann. Das war mutig und es funktioniert — 1,6 Millionen Menschen haben eine solche Anwendung freigeschaltet, und 401 Millionen Euro sind dafür geflossen, was gemessen an einem Gesamthaushalt von über 300 Milliarden Euro im Jahr weniger als anderthalb Promille sind. Der Streit dreht sich um eine sehr kleine Summe mit einer sehr großen Signalwirkung. Das ist gut so — Testläufe sollen billig sein. Man sollte nur aufhören, so zu tun, als sei der Test schon bestanden.

Was dieser Bericht nicht leisten kann

  • Absolute Verordnungszahlen je einzelner Anwendung veröffentlicht der DiGA-Bericht nicht. Die Anteilswerte für Oviva Direkt, Vivira und Kalmeda stammen aus Fachpublikationen, die den Bericht auswerten; die daraus abgeleiteten Eurobeträge sind eigene Rechnungen.
  • Die Jahresausgaben 2020 bis 2025 addieren sich auf 421 Millionen Euro, während derselbe Bericht 401 Millionen als kumulierte Summe nennt. Welcher Jahreswert zu hoch ist, lässt sich öffentlich nicht klären.
  • Eine echte Abbruchquote innerhalb der 90 Tage existiert in keiner öffentlichen Quelle. Die 83 Prozent ohne Folgerezept sind keine Abbruchquote. Belastbare Zahlen entstehen erst mit der Meldepflicht ab 15. Oktober 2026.
  • Umsätze einzelner Anbieter ließen sich nicht belegen. Die meisten sind kleine Gesellschaften mit verkürzten Jahresabschlüssen ohne Umsatzausweis; die kursierenden Schätzungen sind Schätzungen.
  • Die Wagniskapitalzahlen stammen von privaten Datenanbietern mit nicht offengelegter Abgrenzung. Zwei von ihnen widersprechen sich für Deutschland 2025 nicht nur in der Höhe, sondern in der Richtung.
  • Die Aussage, dass in Frankreich keine Rückzahlungspflicht besteht, stützt sich auf eine anwaltliche Analyse von 2023, nicht auf den geprüften Gesetzestext; der Direktabruf des französischen Gesetzesportals war nicht möglich.
  • Die genauen US-Erstattungsbeträge für die neuen Abrechnungsziffern konnten nicht aus einer Primärquelle bestätigt werden; die genannten 40 bis 52 Dollar stammen aus zwei sich widersprechenden Sekundärquellen.
  • Der tagesaktuelle Stand des BfArM-Verzeichnisses ließ sich nicht abrufen. Alle Bestandszahlen beziehen sich auf den 31. Dezember 2025.
  • Dieser Bericht ist keine medizinische Beratung und keine Anlageberatung.
Apps auf Rezept: Warum das deutsche Modell funktioniert und trotzdem niemanden ernährtAref Research · Recherchestand 6. September 2026 · Nach oben

Quellenverzeichnis · Source ledger · فهرست منابع

Ein gemeinsames Verzeichnis für alle drei Ausgaben; die Notizen stehen auf Englisch, um die Angaben nicht zu verdreifachen. Inline-Belege stehen weiterhin in jeder Sprachfassung an der jeweiligen Aussage. · One shared ledger for all three editions, with notes in English. · فهرست مشترک برای هر سه نسخه؛ یادداشت‌ها به انگلیسی.

Amtliche Quellen & Recht · Official sources and law · منابع رسمی و قانون

GKV-Spitzenverband, Bericht über die Inanspruchnahme und Entwicklung der Versorgung mit DiGA

Bericht nach § 33a Abs. 6 SGB V, Berichtszeitraum 1.9.2020–31.12.2025 · veröffentlicht 1. April 2026

The backbone of this report: 58 listed DiGA (48 permanent, 10 provisional), 74 ever admitted, 16 removed, 1.6 m dispensed and €400 m spent cumulatively, €171 m in 2025, average price €544 falling to €227.

DiGA-Bericht des GKV-Spitzenverbandes für den Zeitraum bis 31.12.2024

Bundestags-Drucksache 21/110 · zugeleitet 5. Mai 2025

Previous year's report. Source of the finding that only 12 of 68 DiGA proved benefit from the outset, and of the cumulative €234 m figure often misquoted as an annual value.

§ 134 SGB V — Vereinbarung über Vergütungsbeträge für digitale Gesundheitsanwendungen

Sozialgesetzbuch V · Stand 2026

The pricing mechanism at the centre of this report, including the requirement from 1 January 2026 that at least 20 % of the fee be outcome-dependent.

§ 139e SGB V — Verzeichnis für digitale Gesundheitsanwendungen

Sozialgesetzbuch V · Stand 2026

Admission requirements, the twelve-month trial listing extendable once, and the three-month decision deadline for the BfArM.

§ 40b SGB XI — Digitale Pflegeanwendungen

Sozialgesetzbuch XI · Stand 2026

Establishes the €40 per month plus €30 reimbursement ceiling — the control case that explains why no DiPA has ever been listed.

Digital-Gesetz (DigiG)

BGBl. 2024 I Nr. 101 · 26. März 2024

Opened class IIb to DiGA (permanent admission only) and introduced outcome-dependent pricing.

MDCG 2019-11 Rev.1 — Qualification and Classification of Software

Europäische Kommission, Medical Device Coordination Group · 17. Juni 2025

Verbatim wording of MDR Rule 11 and the sub-rules 11a/11b/11c, plus the new treatment of clinical prediction software.

Verordnung (EU) 2023/607 — MDR-Übergangsfristen

Amtsblatt L 80/24 · 20. März 2023

Legacy device deadlines of 31 December 2027 and 31 December 2028, unchanged as of September 2026.

COM(2025) 1023 final — Vorschlag zur Vereinfachung von MDR und IVDR

Europäische Kommission, Verfahren 2025/0404(COD) · 16. Dezember 2025

Includes a proposed lower classification for certain software. Still in committee in September 2026 — not law.

Verordnung (EU) 2025/327 — Europäischer Raum für Gesundheitsdaten (EHDS)

Amtsblatt der EU · 11. Februar 2025, in Kraft 26. März 2025

General application from 26 March 2027; EHR-system obligations from 26 March 2029 and 2031 under Art. 105.

Verordnung (EU) 2026/1744 — Digital-Omnibus-Verordnung zur KI

Amtsblatt L, 2026/1744 · 8. Juli 2026, in Kraft 27. Juli 2026

Defers Annex I high-risk obligations — which is where medical devices sit — from 2 August 2027 to 2 August 2028.

KI-Verordnung (EU) 2024/1689, Artikel 6

Amtsblatt der EU · 2024

Art. 6(1) with Annex I is the route by which AI medical devices from class IIa become high-risk — not Annex III.

BSI TR-03161 — Anforderungen an Anwendungen im Gesundheitswesen

Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik · 30. April 2024

Certificate mandatory for DiGA manufacturers from 1 January 2025.

Die elektronische Patientenakte für alle

Bundesministerium für Gesundheit · Rollout 29. April 2025, Nutzungspflicht 1. Oktober 2025

Opt-out model, mandatory use by providers, and the basis for the infrastructure argument in Part 8.

Eine Milliarde eingelöste E-Rezepte

gematik · 17. Oktober 2025

Scale reference for German health-IT infrastructure against the DiGA market.

Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz

Wissenschaftliche Dienste des Bundestages, WD 9-059/22 · 2022

19.9 weeks nationwide for guideline psychotherapy; the care gap that gives moderate-effect apps their case.

Begutachtete Forschung · Peer-reviewed research · پژوهش داوری‌شده

Sippli u. a., „Healthcare effects and evidence robustness of reimbursable digital health applications in Germany: a systematic review“

npj Digital Medicine · 2025

23 admission studies covering 21 DiGA, all randomised. Verbatim: “All studies were evaluated to have an overall high RoB.” N 56–1,245, mean 321; drop-out 21.7 % vs 11.8 %.

Goldberg u. a., „Mobile phone-based interventions for mental health: a systematic meta-review of 14 meta-analyses of randomized controlled trials“

PLOS Digital Health · 2022

The single strongest finding here: effects against active controls collapse to d = 0.18–0.19 (anxiety), 0.09 (stress) and 0.02 (quality of life). 145 RCTs, 47,940 participants.

Baumel, Muench, Edan & Kane, „Objective User Engagement With Mental Health Apps“

Journal of Medical Internet Research 21:e14567 · 2019

Independent panel data on 93 apps: median 4.0 % daily active users, 3.3 % retention at 30 days. The base rate every therapy app works against.

Kolominsky-Rabas u. a., „Wie belastbar sind die Studien der dauerhaft aufgenommenen DiGA?“

Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen · 2022

Not one of the six first permanently listed DiGA had a blinded study; all used waiting-list controls.

Zapp u. a., „Assessing the Quality of Evidence Regarding Permanently Listed DiGAs“

Healthcare (MDPI) 14(15):2279 · 2025/2026

74 % of RCTs unblinded or unreported; only 37 % of manufacturers link the full text, 9 % publish a protocol.

Klein u. a., „Effects of a Psychological Internet Intervention in the Treatment of Mild to Moderate Depressive Symptoms“ (EVIDENT)

Psychotherapy and Psychosomatics 85(4):218–228 · 2016

The strongest German DiGA trial: N = 1,013, multicentre, assessor-blind, d = 0.39 (95 % CI 0.13–0.64).

Twomey, O'Reilly, Bültmann & Meyer, „Effectiveness of a tailored, integrative Internet intervention (deprexis)“

PLOS ONE · 2020

Meta-analysis of 12 RCTs, N = 2,901, g = 0.51. Two authors are employed by the manufacturer — disclosed here because it belongs with the number.

Lång u. a., „Artificial intelligence-supported screen reading versus standard double reading in the MASAI trial“

The Lancet Oncology 24:936–944 · 2023

80,033 women randomised, blinded, histologically confirmed endpoint: detection 6.1 vs 5.1 per 1,000, 44.3 % less reading workload. The contrast case for evidence standards.

Abràmoff u. a., „Pivotal trial of an autonomous AI-based diagnostic system for detection of diabetic retinopathy“

npj Digital Medicine · 2018

819 evaluable patients against an objective reference standard: sensitivity 87.2 %, specificity 90.7 %. First FDA-authorised autonomous AI diagnostic.

Mäder u. a., „The German Fast Track towards reimbursement of digital health applications“

BMC Health Services Research · 2023

Source of the decisive procedural finding: 63 % of applications were rejected or withdrawn without prior BfArM consultation, 35 % with it.

Dietzel, Zeiler & Kolominsky-Rabas, Analyse zu Preisen und Evidenz gelisteter DiGA

GGW 25(1), Wissenschaftliches Institut der AOK · 2025

Independent confirmation of the price gap: permanently listed DiGA average €262.57, provisionally listed €576.14.

Gräfe, Moritz & Greiner, „Health economic evaluation of an internet intervention for depression (deprexis), a randomized controlled trial“

Health Economics Review 10:19 · 16. Juni 2020

3,805 insured, DAK Gesundheit. Costs fell by €1,021 (32 %) in the intervention arm and by €436 (13 %) in the control arm; the between-group change was significant (P = .04). The commonly quoted €1,021 is the within-group decline, not the net saving — the difference is roughly €585. Component costs did not differ significantly (medication P = .14, inpatient P = .25, sickness benefit P = .16).

Freitag, Uncovska, Meister, Prinz & Fehring, „Cost-effectiveness analysis of mHealth applications for depression in Germany using a Markov cohort simulation“

npj Digital Medicine 7:321 · 17. November 2024

Verbatim: below a quarterly price of €20.34 the DiGA scenarios would be cost-effective and dominant. Today's average negotiated fee is €227 per 90 days — about eleven times that threshold.

Lewkowicz, Wohlbrandt & Böttinger, „Digital Therapeutic Care Apps With Decision-Support Interventions for People With Low Back Pain in Germany: Cost-Effectiveness Analysis“

JMIR mHealth and uHealth 10(2):e35042 · 7. Februar 2022

ICER of €5,486.05 per QALY — from a societal perspective and for low back pain, not depression. Included as the fair counter-case: once lost working time is counted, the arithmetic changes completely.

Arcà, Heldt & Smith, „Comparison of health technology assessments for digital therapeutics in Germany, the United Kingdom and France“

DIGITAL HEALTH (SAGE) · 22. Januar 2025

70 assessments: 52 German, 17 British, 1 French. Verbatim on Germany: „no economic analysis is requested or performed as part of the current assessment process“ and „DHT assessments are not publicly available“.

Rabiei & Almasi, „Digital health reimbursement: A scoping review of global lessons and policy implications“

DIGITAL HEALTH (SAGE), Vol. 12 · 27. April 2026

The pro-Germany case, stated verbatim: Germany, Belgium and France „have been pioneers in integrating digital health into their national healthcare systems“. Process-based praise, not outcome-based.

Schmidt u. a., „Pricing of digital health applications in Germany“

npj Digital Medicine · 24. Mai 2024

Third independent confirmation: average first price €465.42 falling to €220.79 after negotiation.

Aufsicht & Bewertung international · Regulators and assessment abroad · نهادهای ناظر

NICE, Early Value Assessment HTE8: Digitally enabled therapies for adults with depression

National Institute for Health and Care Excellence · 2023

Three of six technologies conditionally recommended “while further evidence is generated”, with the same waiting-list control criticism as in Germany.

France National Companion Guide — PECAN

Digital Medicine Society (DiMe) · Stand 2025

17 applications between April 2023 and September 2024, two successful — the restrictive counterpoint to the German fast track.

AOK-Bundesverband, Positionspapier zu digitalen Gesundheitsanwendungen

AOK-Bundesverband · 2025/2026

The payer's case: assessment on manufacturer data alone, and a demand to move benefit assessment to the Federal Joint Committee.

KVB-Gutachten kritisiert fehlende Evidenz bei Gesundheits-Apps

Deutsches Ärzteblatt · 19. Dezember 2022

Expert opinion by FAU Erlangen-Nürnberg, TU Berlin and the Bavarian association of SHI physicians.

Unabhängige Berichterstattung · Independent reporting · گزارش‌های مستقل

Aidhere: DiGA-Anbieter ist insolvent

Deutsches Ärzteblatt · 30. Mai 2023

The decisive case: arbitration cut zanadio from €499.80 to €218 retroactively to October 2021; the company called the resulting repayment claims economically unbearable.

DiGA — Listung, Verordnung, Pleite

Observer Gesundheit · 29. Mai 2023

Documents the first DiGA insolvency (Newsenselab / M-sense, price cut from €219.98 to €10) and which applications failed to prove benefit.

Pear Therapeutics Files For Bankruptcy As CEO Blames Shortfalls On Insurers

Forbes · 7. April 2023

$12.7 m revenue against a $123.4 m operating loss; roughly half of 45,000 prescriptions filled. Failure by non-reimbursement, not by regulation.

Hausärztinnen und -ärzte stellen jede zweite Verordnung aus

Medical Tribune · 22. April 2026

Reports from the GKV ledger the 82 % activation rate and that 83 % of patients request no follow-up prescription after the 90-day period.

Finanzkommission stellt DiGA-Modell infrage

Tagesspiegel Background Gesundheit & E-Health · 13. April 2026

Recommends abolishing the trial phase, ending free first-year pricing and introducing patient co-payments.

Sword Health acquires Kaia Health for $285M

MobiHealthNews · 28. Januar 2026

Against $123.3 m of disclosed capital raised — above cost, but not a venture-scale return.

Doctolib: Umsatz gesteigert, weiter in Verlustzone

Deutsches Ärzteblatt · 2. Mai 2025

€348 m revenue in 2024 across roughly 400,000 providers; the 2025 figure of €422 m comes from secondary reporting.

Erfolgreiches Geschäftsjahr 2025 — CGM erneut auf Wachstumspfad

CompuGroup Medical SE & Co. KGaA · 24. Februar 2026

€1.213 bn revenue, all segments growing. The hardest number in the German market and the anchor of the money map.

Erstattung im Ausland · Reimbursement abroad · بازپرداخت در کشورهای دیگر

PECAN — prise en charge anticipée numérique

Agence du Numérique en Santé (ANS), offizielles Portal · Stand 24. August 2026

France's early-access route: one non-renewable year, with a listing application due within six months for therapeutic devices.

Tarife der PECAN-Erstattung

G_NIUS, Portal der Agence du Numérique en Santé · Datenblatt zuletzt 12. Dezember 2024

The capped French tariff: €435 for the first quarter, €38.30 per month thereafter, maximum €780 per year — fixed from day one, unlike the German first-year free price.

Avis de la CNEDiMTS — POPPINS CLINICAL v3.0.0

Haute Autorité de Santé · 23. Juni 2026

Favourable opinion for a dyslexia training programme — the first therapeutic digital application actually reimbursed under PECAN, effective 3 August 2026, more than three years after the scheme opened.

Digitale Gesundheitsanwendungen werden von der OKP übernommen

Bundesamt für Gesundheit (BAG), Schweiz · 4. Dezember 2025

From 1 July 2026 Swiss basic insurance covers digital CBT applications for depression, listed via the MiGeL.

Berechnungsmodell für den Höchstvergütungsbetrag von dGA in der MiGeL

Bundesamt für Gesundheit, Version 2.0 · März 2026

The published Swiss cost formula with disclosed parameters — the methodological contrast to German negotiation: a price known from day one, for everyone, with no retroactive recalculation.

deprexis erste digitale Psychotherapie in der Schweiz erstattungsfähig

GAIA AG, Herstellermitteilung · 30. Juni 2026

CHF 271.32 total, CHF 193.32 maximum reimbursement for 90 days. The same product the English NHS rated non-compliant.

Validation pyramid M1/M2/M3

mHealthBelgium (RIZIV/INAMI) · laufend

Belgium pays only at the top level: money follows proven socio-economic value, not admission.

Nut van terugbetaalde gezondheidsapps

Test-Aankoop / Test-Achats · 15. Januar 2026

Belgian counts as of 29 September 2025: 19 apps at level 1, 3 at level 2, 8 at level 3+. Listing, the consumer body warns, is not proof of effectiveness.

HealthTech programme manual (PMG48) — early-use HealthTech guidance

National Institute for Health and Care Excellence · Stand 2026

The English route: NICE recommendation plus three years of evidence generation, paid from core NHS funding. No product price and no central spending statistic.

Digitally enabled therapies assessment criteria

NHS England, NHS Talking Therapies · Bewertungen 2024 und 2025

Where deprexis was rated „not compliant“ — the same product permanently listed in Germany and reimbursed in Switzerland.

Understanding digital mental health treatments — G0552, G0553, G0554

Noridian Medicare (CMS-Vertragspartner) · Stand 2026

The US codes pay physician management time, not the product. G0552 has no national price at all — each contractor sets it.

CY 2026 Medicare Physician Fee Schedule final rule (CMS-1832-F)

Centers for Medicare & Medicaid Services · 31. Oktober 2025

Extends the three digital mental health codes to ADHD devices; CMS declined to extend them to gastrointestinal conditions and fibromyalgia.

Pear Therapeutics assets sold for $6 m at auction after bankruptcy

MobiHealthNews · 19. Mai 2023

Four buyers, $6.05 m total, for a company that went public in 2021 at roughly $1.6 bn. The cause was missing reimbursement, not missing efficacy.

Denmark takes a bold step: first apps officially endorsed

Odelle Technology / EU Digital Health Explained · 9. Juli 2025, akt. 3. November 2025

Denmark endorses without paying: the national list „does not create reimbursement, a fixed tariff, or a per-use fee“.

Markt, Kapital & Unternehmen · Market, capital and companies · بازار و سرمایه

Hausärztinnen und -ärzte stellen jede zweite Verordnung aus

Medical Tribune, Auswertung des DiGA-Berichts 2025 · 22. April 2026

The concentration finding: Oviva Direkt 44.1 % of dispensings and 39.5 % of spending in 2025; Vivira 5.9 %; Kalmeda 4.5 %. GPs write 51 % of all DiGA prescriptions, 72 % of theirs for metabolic conditions.

DiGA im Kreuzfeuer

peix Gesundheitsmanagement · 13. Mai 2026

Independent confirmation of the 44 % share for a single obesity application in 2025.

Kassen beziffern Kosten für Gesundheits-Apps auf bislang 400 Millionen Euro

Deutsches Ärzteblatt · 8. April 2026

Annual figures: €20 m (to end 2021), €60 m, €64 m, €106 m, €171 m; codes 65k, 145k, 229k, 427k, 695k. Note that the annual values sum to €421 m while the report states €401 m cumulative — a documented inconsistency of exactly €20 m.

DiGA Market Report 2026

DUX Healthcare · 19. April 2026

Nine manufacturer insolvencies to 31 December 2025 and more than €25 m in receivables at risk; growth in 2025 „attributable to a single obesity DiGA“.

DiGA abrechnen — EBM-Ziffern und Pauschalen

Kassenärztliche Vereinigung Hessen · Stand 15. Juli 2026

The physician side: €8.15 for follow-up per treatment case, one billing code per application. The former prescription fee (01470) lapsed at the end of 2022.

Vergütung für neue DiGA im EBM geregelt

Kassenärztliche Bundesvereinigung, Praxisnachricht · 26. März 2026

Confirms the €8.15 rate and the per-product logic — including that some permanently listed applications have no billing code at all.

Startup-Barometer Deutschland, Januar 2026

EY · Januar 2026

German venture capital 2025: €8.4 bn overall, €1,074 m in the „Health“ sector — but that sector includes biotech, medtech, care, fitness and beauty. The three largest health deals of 2025 were a biotech, an orthopaedic clinic chain and a nursing speech-recognition provider.

Digital Health VC Funding Report 2025

Pulsewave · 4. Februar 2026

Germany 2025: $523.9 m across 48 deals, described as a recovery from $203 m in 2024. Definition of „digital health“ not disclosed.

Europe digital health funding 2025

Galen Growth · 3. Februar 2026

Germany 2025: $612 m, described as a decline. The two trackers disagree not only on the level but on the direction — neither publishes its definition.

2025 year-end digital health funding

Rock Health · 12. Januar 2026

US benchmark: $14.2 bn across 482 deals in 2025, up 35 % on 2024. US-only, and only deals above $2 m.

DiGA-Hersteller aidhere wird Teil von Sidekick Health

Sidekick Health, Pressemitteilung · 10. Oktober 2023

The end of the zanadio story: insolvency in May 2023 after a retroactive price cut, sale in October, all 150 jobs preserved, purchase price undisclosed.

Bayer acquires HiDoc Technologies and the Cara Care app

Bayer AG · 9. Dezember 2024

Third insolvency-driven transfer: HiDoc filed in September 2024, Bayer took over at the start of 2025. Price undisclosed.

MEDICE Health Family übernimmt Selfapy

transkript / medtech zwo · 14. März 2026

Trade sale of one of the largest German mental-health DiGA providers; all prior venture investors exited; price undisclosed.

Sword Health acquires Kaia Health

Galen Growth · 29. Januar 2026

$285 m — the only disclosed price among the German exits. Kaia had raised $123.3 m. The buyer will replace the brand in the US but keep it in Germany, for the DiGA listings.

Doctolib valuation slides 38 % in secondary share sale

inforcapital, referierend auf Bloomberg · 7. April 2026

€422 m revenue in 2025 and a €3.6 bn valuation after a 38 % markdown — one appointment-booking company worth more than the reimbursed DiGA market would pay out in two decades.

Daten & Methodik · Data and methodology · داده و روش

DeepDive: DiGA und Evidenz

vfa — Verband der forschenden Pharma-Unternehmen · 25. März 2026

Source of the application collapse: 68 applications in 2021, 23 in 2025.

2025 year-end digital health funding: a tale of two markets

Rock Health · 12. Januar 2026

US series: $29.1 bn (2021), $15.3 bn, $10.7 bn, $10.5 bn, $14.2 bn (2025). Counts only US deals above $2 m — not comparable with other trackers.

H1 2026 digital health investment trends

Galen Growth · 4. August 2026

Deal count down 63 % against H1 2022, seed and angel down 76 %, average round up from $18.1 m to $36.8 m, time to exit from 8.2 to 10.8 years.

Europe digital health funding 2025 and Q1 2026

Galen Growth · 2026

Europe $6.2 bn in 2025 (Germany $612 m), then −44 % in Q1 2026.

Digital Health Tools Are Expanding in Scope and Function

IQVIA Institute for Human Data Science · 23. Dezember 2024

337,000 digital health apps available, two thirds of all ever created no longer marketed; 56 approved DTx in Germany against 46 in the US and 20 in the UK.

Zahlen und Fakten zur MDR

BVMed — Bundesverband Medizintechnologie · Stand Juni 2026

18,010 of 32,898 requested certificates issued; 53 % of manufacturers cut R&D, over 40 % launch outside the EU. Industry association — a claim with an interest, used as such.

Überlebensrate von Unternehmen

Institut für Mittelstandsforschung Bonn, auf Basis des Unternehmensregisters · laufend

38.3 % five-year survival across all German firms. Health and social care shows the highest rate at 50.4 % — but that is medical practices, not venture-funded startups, and is not used as a base rate here.

Germany Digital Health Market Report

Grand View Research · August 2026

$11.9 bn for 2026 at 16.6 % CAGR. Includes telemedicine, analytics, EHR and connected devices — which is why it is roughly seventy times the reimbursed DiGA market.