AREF RESEARCH · Evidenzbericht · Recherchestand 4. September 2026

AI-Trading-Bots: Das Alpha ist echt — es sitzt nur hinter drei Toren

Machine Learning misst Risikoprämien nachweislich besser als lineare Modelle. Der handelbare Teil dieses Vorsprungs liegt jedoch fast vollständig hinter Kosten, Kapazität und Kontamination — drei Toren, an denen der Retail-Bot-Markt strukturell scheitert. Unabhängige Analyse von Evidenz, Ökonomie und Regulierung.

Assetklassen: Aktien · ETFs · Krypto · ForexGeografie: EU/Deutschland und USAKeine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung

GRÖSSTE CHANCE

Infrastruktur, nicht Signale

Point-in-time-Daten, ehrliche Kostenmodellierung, Deflation nach Anzahl getesteter Varianten und prüffähige Protokollierung sind ungelöst und verkaufbar — an lizenzierte Vermögensverwalter, nicht an Privatanleger.

GRÖSSTES RISIKO

Der Vorsprung frisst sich selbst

Lopez-Lira und Tang zeigen: Die Rendite LLM-basierter Nachrichtenstrategien sinkt, je mehr Marktteilnehmer LLMs einsetzen. Was heute Alpha ist, ist morgen Preisbildung.

KONFIDENZ

Hoch für die Kernaussage

Hoch für „kein verlässliches Retail-Alpha“; mittel für die institutionelle Netto-Rendite, weil die stärkste Gegenstudie noch unpubliziert ist; niedrig für alle Prognosen jenseits 2027.

0,77

Out-of-Sample-Sharpe des neuronalen Netzes im S&P-500-Timing — gegen 0,51 für Buy-and-Hold, beide brutto

−65 %

Rückgang des gleichgewichteten Ertrags des Deep-Learning-Signals ohne Micro-Caps — wertgewichtet −49 %

1,57

Erwarteter bester In-Sample-Sharpe nach nur zehn getesteten Varianten — bei wahrem Alpha von null

+2,4 %

Bester LLM-Agent in StockBench über 82 Handelstage; Buy-and-Hold: +0,4 %, ohne Kostenmodell

3,47 Mrd. $

Urteil der CFTC gegen Mirror Trading International — beworben als KI-Handelsbot

Teil 1

Die Frage hinter der Frage#

Wer „AI Trading Bot“ googelt, sucht selten nach einem Modelltyp. Er sucht nach einer Antwort auf eine von drei sehr unterschiedlichen Fragen: Soll ich so etwas kaufen?Soll ich so etwas bauen?Soll ich in so etwas investieren oder ein Unternehmen darum gründen? Dieser Bericht beantwortet alle drei getrennt, weil die Evidenz für sie unterschiedlich ausfällt.

Zuerst muss der Begriff auseinandergenommen werden. Vier grundverschiedene Dinge laufen unter demselben Label, und nur zwei davon haben überhaupt mit maschinellem Lernen zu tun.

TypWas tatsächlich passiertEvidenzMarketinganteil
Regelbasierte BotsGrid, DCA, MartingaleFeste Wenn-Dann-Logik. Keine Intelligenz im Sinne von ML. Der Ertrag stammt aus Mean Reversion in Seitwärtsmärkten und verschwindet in Trends.
Klassisches MLXGBoost, Random Forest, LSTMErfasst nichtlineare Zusammenhänge in Kurs- und Fundamentaldaten. Die dominanten Signale bleiben Momentum, Liquidität und Volatilität.
Reinforcement LearningPolicy-Learning über BelohnungEin Agent lernt Handelspolitiken. In nicht-stationären Märkten instabil; wiederholtes Training liefert auf identischen Daten materiell verschiedene Policies.
LLM-AgentenGPT, Claude, Multi-Agenten-SystemeStark in Text-, Nachrichten- und Dokumentanalyse. Schwach bei direkter Preisprognose — und nicht reproduzierbar über Läufe hinweg.

Punkte in „Evidenz“ = Stärke der publizierten, kontaminationsfreien Evidenz für handelbare Überrenditen — nicht für statistische Prädiktivität.

Drei Abgrenzungen, die im Marketing systematisch verwischt werden

  • Robo-Advisors (Betterment, Wealthfront, Scalable, quirion) bauen regelbasierte ETF-Portfolios nach Risikoprofil und rebalancieren. Ihr Ziel ist Marktabbildung, nicht Marktschlagen. Wer sie als „KI-Investieren“ verkauft bekommt, kauft Indexnachbildung.
  • Copy-Trading und Signaldienste kopieren fremde Entscheidungen. Es gibt keine eigene Modelllogik — nur eine Verteilungsschicht über die Entscheidungen anderer.
  • Hochfrequenzhandel ist ein Latenz- und Infrastrukturgeschäft institutioneller Häuser. Technologisch hat er mit Retail-Bots nichts gemein; wer beides in einem Satz nennt, verkauft etwas.
Teil 2

Der Markt: Preise, Anbieter, und Zahlen, die nichts messen#

Die Retail-Landschaft zerfällt in zwei Hälften: kommerzielle Abo-Plattformen mit intransparenter Logik und kostenlose Open-Source-Frameworks mit offener Logik. Der Preisunterschied korreliert nicht mit der Qualität der Signale.

Was kommerzielle Retail-Plattformen im Monat kosten

Preisspanne je Anbieter, in US-Dollar pro Monat.

TrendSpider54–321Trade Ideas89–189Bitsgap0–1493Commas15–140Cryptohopper24–129Kavout0–39Composer0–32Pionexkein Abo — 0,05 % Handelsgebühr$0$100$200$300Spanne vom günstigsten Jahres-Tier bis zum teuersten Monats-Tier, in US-Dollar.Preise der Anbieter-Seiten, abgerufen am 4. September 2026. Trade Ideas: Jahrespreis durch zwölf. Cryptohopper hat seinenGratis-Tarif gestrichen.

Zwei Bewegungen seit 2024 sind bemerkenswert. Cryptohopper hat seinen Gratis-Tarif gestrichen — Einstieg jetzt 29 $ im Monat nach dreitägigem Test. Composer ist in die Gegenrichtung gegangen: Bauen, Backtesten und API sind kostenlos, bezahlt wird nur die automatisierte Ausführung (32 $ im Monat). Und Pionex verkauft überhaupt kein Abo, sondern verdient an 0,05 % Handelsgebühr. Das ist kein Detail, sondern ein Geschäftsmodellwechsel: Wer an Volumen verdient, hat ein Interesse daran, dass der Bot handelt — nicht daran, dass er gewinnt.

Was in welcher Kategorie tatsächlich brauchbar ist

  • Aktien und ETFs: QuantConnect Lean mit umfangreicher Dokumentation; Alpaca und Interactive Brokers als Broker-API-Ebene.
  • Krypto: Freqtrade mit FreqAI-Modul — Version 2026.8 vom 31. August 2026, monatlicher Release-Takt; Hummingbot für Market-Making.
  • Research: NautilusTrader (1.231.0, August 2026), VectorBT (1.1.0, Juli 2026 — die verbreitete Behauptung, das Open-Source-Projekt sei tot, ist seit dem 1.0-Release überholt), Microsoft Qlib, Zipline-reloaded.
  • Nicht mehr verwenden: Backtrader — letzte Veröffentlichung April 2023. FinRL wird ausdrücklich als konservierter Lehr- und Forschungsrahmen geführt und verweist auf Nachfolgeprojekte.

EU-Lücke

Für europäische Privatanleger ist die Broker-API-Ebene dünner geworden. Lemon Markets hat sich vollständig auf Brokerage-as-a-Service für Geschäftskunden umgestellt; eine Selbstbedienungs-API für Privatpersonen gibt es dort nicht mehr. Trade Republic und Scalable bieten keine offizielle öffentliche Handels-API. Praktisch bleiben Interactive Brokers und Alpaca — ein EU-natives Retail-Äquivalent existiert derzeit nicht.

AREF SIGNAL Die Marktgrößen-Zahlen messen nicht dasselbe

Für „algorithmischen Handel“ nennt Grand View Research 23,5 Mrd. $ für 2025 bei 13,6 % jährlichem Wachstum; Mordor Intelligence nennt 20,23 Mrd. $ für 2026 bei 7,87 %. Die Niveaus liegen nahe beieinander, die Wachstumsraten um den Faktor 1,7 auseinander. Der Grund steht in den Definitionen: Mordor schließt nicht kommerzialisierte hauseigene Algorithmen ausdrücklich aus, Grand View nicht. Gleiches Etikett, anderes Universum.

Für den Markt, der hier eigentlich interessiert — bezahlte Retail-Bot-Abonnements —, existiert keine einzige belastbare Bottom-up-Schätzung. Was zirkuliert, sind Zahlen wie „54 Mrd. $ Krypto-Trading-Bot-Markt“, die Abo-Umsatz und bot-vermitteltes Handelsvolumen nicht trennen. Eine simple Gegenrechnung zeigt, warum das nicht stimmen kann: Bei einem realistischen Jahresumsatz von 300 bis 800 $ pro zahlendem Nutzer entspräche diese Zahl 70 bis 180 Millionen zahlenden Bot-Abonnenten weltweit — mehr als es aktive Krypto-Händler gibt. INFERENZ

Wer eine Investitionsentscheidung auf diese Zahlen stützt, stützt sie auf eine Definition, nicht auf eine Messung.

Teil 3

Die Basisrate: womit man verglichen wird#

Bevor man fragt, ob ein Bot funktioniert, muss man wissen, wie die Ausgangslage aussieht. Sie ist in allen Märkten mit Regulierungsdaten bemerkenswert konsistent.

Die Basisrate: Anteil der Privatanleger mit Verlust

Verschiedene Märkte und Zeiträume, jeweils aus aufsichtsrechtlichen oder akademischen Quellen.

Daytrader Brasiliennach 300+ Handelstagen (2013–2015)97 %Individuelle F&O-Händler IndienGJ 2022–202493 %Individuelle F&O-Händler IndienGJ 202687,7 %CFD-Konten UKAngaben von 14 Brokern, 202651–82 %Anteil der Konten beziehungsweise Personen mit Verlust. Verschiedene Märkte, Zeiträume und Definitionen — nicht direktvergleichbar.Chague/De-Losso/Giovannetti (2020); SEBI (2024, 2026); Brokerangaben nach FCA-Vorgabe, Zusammenstellung Stand April 2026.

Die indische Aufsichtsbehörde SEBI liefert die beste populationsweite Evidenz, weil sie sämtliche Konten sieht: 87,7 % der individuellen Händler im Aktienderivatesegment verloren im Geschäftsjahr 2026 Geld, mit einem aggregierten Nettoverlust von 91 685 Crore Rupien und einem Durchschnittsverlust von 1,17 Lakh je Person. Für die Jahre 2022 bis 2024 lag der Anteil bei 93 %.

Und hier steht die unbequemste Zahl des ganzen Berichts: In derselben SEBI-Auswertung stammt fast der gesamte Gewinn der professionellen Gegenseite von algorithmisch handelnden Einheiten. Algorithmischer Handel ist in dem einen Markt mit aufsichtsrechtlichen Daten das, wogegen Privatanleger verlieren — nicht das, womit sie verlieren. Wer einen Retail-Bot kauft, wechselt nicht die Seite des Tisches.

Ergänzend: Chague, De-Losso und Giovannetti verfolgten brasilianische Daytrader, die durchhielten. Von jenen mit mehr als 300 Handelstagen verloren 97 % Geld; 1,1 % verdienten mehr als den Mindestlohn. Barber und Odean zeigten schon 2000 an 66 465 Haushalten: Die aktivsten Händler erzielten 11,4 % jährlich, während der Markt 17,9 % lieferte.

Für Copy-Trading und Bot-Handel gibt es keine methodisch saubere Studie realisierter Kundenrenditen. Diese Lücke ist selbst ein Befund. Die beste vorhandene Arbeit ist ein Laborexperiment: Apesteguia, Oechssler und Weidenholzer fanden, dass die Möglichkeit, andere direkt zu kopieren, die Risikobereitschaft signifikant erhöht — gemessen an den zuvor erhobenen Risikopräferenzen der Teilnehmer in individuell und sozial suboptimaler Weise. LABOR

Teil 4

Die Evidenz: ein klares Ja, ein klareres Aber#

Das Ja: Machine Learning misst Risikoprämien besser

Wir zeigen für Anleger große ökonomische Gewinne durch Machine-Learning-Prognosen, die die Leistung führender regressionsbasierter Strategien aus der Literatur in einigen Fällen verdoppeln.

Gu, Kelly & Xiu, „Empirical Asset Pricing via Machine Learning“, Review of Financial Studies 33(5), 2020, S. 2223–2273 — sinngemäß übersetzt

Das ist die meistzitierte Arbeit des Feldes, und sie hält. Wichtig ist nur, welche Zahl wozu gehört — hier wird in der Sekundärliteratur regelmäßig durcheinandergebracht.

Wo der Machine-Learning-Vorsprung tatsächlich gemessen wurde

Out-of-Sample-Sharpe-Ratios aus Gu, Kelly und Xiu (2020). Links die Querschnittsstrategie, rechts das Markt-Timing — zwei verschiedene Experimente, die in der Sekundärliteratur ständig vermischt werden.

QUERSCHNITT · LONG-SHORT-DEZILENeuronales Netz, gleichgewichtet2,45Neuronales Netz, wertgewichtet1,35OLS-Benchmark, gleichgewichtet0,83OLS-Benchmark, wertgewichtet0,610,01,22,5MARKT-TIMING · S&P 500Neuronales Netz0,77Buy-and-Hold0,510,01,22,5Alle Werte brutto: ohne Transaktionskosten, ohne Market Impact, ohne Kapazitätsgrenze. Gu/Kelly/Xiu (2020), Review ofFinancial Studies 33(5).

Im Markt-Timing des S&P 500 steigt der Out-of-Sample-Sharpe von 0,51 (Buy-and-Hold) auf 0,77 (neuronales Netz) — ein Zugewinn von 26 Prozentpunkten. Der Vergleich gegen OLS gehört dagegen zur Querschnittsstrategie: dort 1,35 gegen 0,61 wertgewichtet, 2,45 gegen 0,83 gleichgewichtet. Wer die 2,45 zitiert und dabei „Markt-Timing“ sagt, zitiert die falsche Zeile.

Das erste Aber: Der Effekt lebt dort, wo Retail nicht skalieren kann

Was vom Signal übrig bleibt, wenn man Illiquides ausschließt

Ertrag des Deep-Learning-Signals über alle Performancemaße, jeweils gleich- und wertgewichtet, indexiert auf 100.

100 %100 %Deep-Learning-Signalvolles Universum35 %51 %ohne Micro-Caps14 %30 %ohne finanziellangeschlagene TitelgleichgewichtetwertgewichtetDer Ertrag des Signals fällt um 65 % (gleichgewichtet) beziehungsweise 49 % (wertgewichtet), sobald Micro-Caps fehlen— und um 86 % beziehungsweise 70 % ohne angeschlagene Titel.Ertrag über alle Performancemaße, indexiert auf 100. Avramov/Cheng/Metzker (2023), Management Science 69(5), S. 2587–2619.

Avramov, Cheng und Metzker haben genau nachgerechnet, was vom GKX-Signal übrig bleibt, wenn man ökonomisch plausible Einschränkungen einführt. Der Ausschluss von Micro-Caps senkt den Ertrag über alle Performancemaße um 65 % gleichgewichtet und 49 % wertgewichtet; der Ausschluss finanziell angeschlagener Firmen um 86 % beziehungsweise 70 %. Entscheidender noch: Die Break-even-Transaktionskosten liegen im vollen Universum zwischen 0,48 % und 1,12 % — ohne Micro-Caps fallen sie auf 0,26 % bis 0,54 %.

Das ist die entscheidende Stelle des ganzen Berichts. Das gemessene Alpha ist real — aber es konzentriert sich in illiquiden, kleinen, angeschlagenen Titeln mit hoher Umschlagshäufigkeit. Das ist genau das Segment, in dem ein Privatanleger die schlechtesten Spreads bezahlt, keine Leerverkäufe darstellen kann und schon mit kleinen Beträgen den Preis bewegt.

Die stärkste Gegenposition — der Fairness halber

Es wäre unredlich, hier aufzuhören. Azevedo, Hoegner und Velikov kommen zum gegenteiligen Schluss: Sie berichten, dass anspruchsvollere ML-Strategien nach Transaktionskosten, nach Post-Publication-Decay und in der liquiden Nach-Dezimalisierungs-Ära profitabel bleiben — bis zu 1,42 % netto monatlich out of sample, bei über 50 % Umschlag. Wer diese Arbeit unterschlägt, betreibt Rosinenpickerei.

Zwei Einordnungen halten die These trotzdem: Die Arbeit ist im September 2026 weiterhin ein unpubliziertes Arbeitspapier, also nicht begutachtet. Und sie beschreibt institutionelles Long-Short-Faktorinvestieren mit monatlichem Rebalancing, Leihezugang für Leerverkäufe und professioneller Ausführung. Das ist kein Retail-Bot. Es ist ein Beleg dafür, dass das Alpha existiert — und zugleich dafür, wie viel Apparat man braucht, um es einzusammeln. ESTIMATE

Das zweite Aber: Overfitting ist keine Gefahr, sondern Arithmetik

Der beste Zufallstreffer wächst mit der Zahl der Versuche

Erwarteter maximaler In-Sample-Sharpe rein zufälliger Strategien, in Abhängigkeit von der Anzahl getesteter Varianten.

1,02,03,04,05,01,572,243,264,3910451 000100 000ERWARTETER BESTER IN-SAMPLE-SHARPE — BEI WAHREM ALPHA VON NULLAnzahl getesteter Varianten (logarithmisch)Bei 45 Varianten und fünf Jahren Daten liegt der erwartete beste Zufallstreffer bereits bei einem Sharpe von 1,0.Erwartungswert des Maximums unabhängiger Normalverteilungen nach Bailey/Borwein/López de Prado/Zhu (2014). Alle getestetenStrategien haben ein wahres Alpha von null.

Bailey, Borwein, López de Prado und Zhu haben es in den Notices of the AMS so nüchtern formuliert, wie es ist: Wer nur zehn Varianten einer Strategie testet, findet erwartungsgemäß eine mit einem In-Sample-Sharpe von 1,57 — auch wenn alle getesteten Strategien out of sample exakt null liefern. Daraus folgt ihre Mindest-Backtest-Länge: Mit fünf Jahren Daten dürfen nicht mehr als 45 unabhängige Konfigurationen probiert werden, wenn der erwartete beste Zufallstreffer nicht über einen Sharpe von 1,0 steigen soll.

Jedes gängige Retail-Werkzeug überschreitet diese Grenze im ersten Nachmittag. Die praktische Konsequenz ist hart und einfach: Ein Sharpe-Wert ohne Angabe, wie viele Varianten getestet wurden, ist keine Information. Das Gegenmittel heißt Deflated Sharpe Ratio und korrigiert um Anzahl der Versuche, deren Streuung, Schiefe, Wölbung und Stichprobenlänge.

Für die Faktorforschung haben Harvey, Liu und Zhu denselben Befund formuliert: Bei 316 katalogisierten Faktoren reicht die übliche Hürde t > 2,0 nicht; nötig sei t > 3,0. Ihr Fazit im Abstract lautet, die meisten behaupteten Forschungsergebnisse in der Finanzökonomik seien vermutlich falsch. Dem widersprechen Jensen, Kelly und Pedersen mit bayesianischen Methoden: Faktoren, die ihr Modell findet, die frequentistische Mehrfachtestkorrektur aber verwirft, erzielten out of sample eine annualisierte Information Ratio von 0,93 in den USA und 1,10 global ohne USA. Auch das sind Bruttowerte akademischer Long-Short-Portfolios.

LLM-Agenten: das lauteste Segment mit der dünnsten Evidenz

LLM-Agenten gegen Buy-and-Hold — kontaminationsfrei getestet

Kumulierte Rendite über 82 Handelstage auf den 20 höchstgewichteten Dow-Jones-Titeln.

Qwen3-235B-Instruct+2,4 %GLM-4.5+2,3 %Kimi-K2+1,9 %Buy-and-Hold (Referenz)+0,4 %GPT-5+0,3 %Kumulierte Rendite über 82 HandelstageBester Agent schlägt die passive Referenz um zwei Prozentpunkte — über vier Monate, bei 20 Titeln.StockBench v2 (arXiv:2510.02209), Handelsfenster 3. März bis 30. Juni 2025, nach dem Trainings-Cutoff.Die Autoren modellieren ausdrücklich keine Transaktionskosten, keine Slippage und keine Liquiditätsgrenzen.

StockBench (Version 2, März 2026) testete dreizehn Frontier-Modelle bewusst nach ihren Trainings-Cutoffs, im Fenster 3. März bis 30. Juni 2025. Der beste Agent lag zwei Prozentpunkte über Buy-and-Hold, GPT-5 lag darunter. Die Autoren schreiben selbst, dass sie weder Handelskosten noch Slippage noch Liquiditätsgrenzen modellieren. Bei 82 Handelstagen und 20 Large Caps liegt der gesamte Abstand im Rauschen.

Die drei wichtigsten Arbeiten des Jahres 2026 gehen deutlich weiter:

  • KTD-Fin (Mai 2026) kombiniert ein Maskierungsprotokoll mit Performance-Attribution und findet für zehn Frontier-Agenten auf dem CSI 300: Die kumulierten Renditen erklären sich weitgehend aus passivem Markt- und Stil-Exposure, mit begrenzter Evidenz für persistentes Titelauswahl-Alpha. Auf Deutsch: Was wie Können aussah, war Beta.
  • AlphaForgeBench (Februar 2026) zeigt den Befund, der am meisten unterschätzt wird: Selbst bei Temperatur 0 erzeugen LLMs auf identischen Marktdaten über Läufe hinweg völlig unterschiedliche Handelssequenzen. Damit sind Einzellauf-Evaluationen statistisch unbrauchbar — und ein großer Teil der publizierten Agenten-Ergebnisse ist nicht reproduzierbar.
  • „The Alpha Illusion“ (Mai 2026) benennt FinCon, FinMem, TradingAgents, FinAgent, QuantAgent und FLAG-Trader ausdrücklich und argumentiert, berichtetes Alpha aus End-to-End-LLM-Agenten dürfe nicht als Einsatzbeleg gelten. Es ist ein Positionspapier ohne eigene Zahlen — aber sein Vorschlag, LLMs als prüfbare Informationsschnittstelle vor unabhängige Kalibrierungs-, Risiko- und Ausführungskomponenten zu setzen, ist die brauchbarste Architekturempfehlung, die 2026 publiziert wurde.

Warum LLM-Backtests fast immer messen, was das Modell schon wusste

Glasserman und Lin unterscheiden zwei Effekte: einen Look-ahead-Bias — das Modell kennt die Folgerenditen einer historischen Nachricht bereits — und einen Ablenkungseffekt, bei dem das Allgemeinwissen über die genannte Firma die Sentiment-Messung verzerrt. Überraschend fanden sie in-sample, dass anonymisierte Schlagzeilen besser abschneiden: Die Ablenkung wiegt schwerer als der Look-ahead-Bias.

Die Anonymisierung als Gegenmittel steht allerdings selbst unter Beschuss. Lopez-Lira, Tang und Zhu zeigen, dass Anweisungen, historische Grenzen zu respektieren, die Erinnerungsgenauigkeit nicht verhindern und dass Maskierung scheitert, weil LLMs Entitäten und Daten aus minimalem Kontext rekonstruieren; die Memorierung reicht bis in die Embeddings. Nach dem Cutoff beobachten sie kein Recall mehr. Die praktische Regel bleibt damit unverändert und ist nicht verhandelbar: Jeder LLM-Backtest muss vollständig nach dem Trainings-Cutoff liegen — sonst misst er Erinnerung, nicht Prognose.

Zwei viel zitierte Gegenbeispiele halten diesem Maßstab nicht stand. TradingAgents berichtet für AAPL eine Sharpe Ratio von 8,21 — aus einem Backtest über rund 60 Handelstage im ersten Quartal 2024, auf wenigen Mega-Cap-Technologiewerten, ohne Kostenmodell und ohne Behandlung des Trainings-Cutoffs. Trading-R1 derselben Gruppe evaluiert über drei Monate, ebenfalls ohne Kosten, sagt aber immerhin selbst, das Modell sei „am besten als Recherche- und Thesengenerierungswerkzeug zu verwenden, nicht als Ersatz für eigene Sorgfaltsprüfung“.

Und ein Befund, den man 2023 noch nicht hatte: Lopez-Lira und Tang — inzwischen in sechster Fassung und angenommen beim Journal of Financial Economics — berichten Trefferquoten von rund 90 % ausdrücklich für die nicht handelbare Erstreaktion. Der handelbare Drift konzentriert sich in kleinen Titeln und negativen Nachrichten, und die Strategierenditen sinken, je stärker LLMs adoptiert werden.

Teil 5

WHAT MOST PEOPLE MISS#

01

Die übliche Sicht: „Studien zeigen, dass ML den Markt schlägt — also kann ein guter Bot das auch.“

Der übersehene Mechanismus: Die Studien messen statistische Prädiktivität im Querschnitt, brutto, über Tausende Titel gleichzeitig, mit Long- und Short-Bein. Der Ertrag ist eine Funktion der Breite — vieler kleiner Kanten über viele Positionen —, nicht der Tiefe einzelner Prognosen. Ein Retail-Bot mit fünf Positionen in liquiden Large Caps handelt exakt die Ecke des Universums, in der der gemessene Effekt am schwächsten ist.

Beleg: −65 % gleichgewichtet und −49 % wertgewichtet ohne Micro-Caps, −86 % und −70 % ohne angeschlagene Titel (Avramov/Cheng/Metzker 2023). Die Break-even-Kosten fallen dabei von 0,48–1,12 % auf 0,26–0,54 %.

Warum das die Entscheidung ändert: Die richtige Frage an einen Anbieter ist nicht „Nutzt ihr KI?“, sondern „In welchem Liquiditätsdezil entsteht euer Ertrag, und bei welcher Kapitalsumme bricht er zusammen?“ Wer darauf keine Zahl nennt, hat keine.

02

Die übliche Sicht: „LLM-Agenten haben 2025 und 2026 positive Renditen gezeigt — die Technologie funktioniert also im Prinzip.“

Der übersehene Mechanismus: Positive Rendite ist kein Können, solange niemand sie zerlegt. Sobald man eine Attributionsanalyse gegen Markt- und Stilfaktoren rechnet, bleibt vom Agenten-Ertrag kaum Titelauswahl übrig. Ein Agent, der überproportional in Momentum- und Large-Cap-Faktoren investiert, verdient in einem steigenden Markt Geld — und ein 82-Tage-Fenster kann diesen Unterschied gar nicht auflösen.

Beleg: KTD-Fin (arXiv:2605.28359): Renditen „largely explained by passive market and style exposure, with limited evidence of persistent stock-selection alpha“. Dazu AlphaForgeBench: keine Reproduzierbarkeit über Läufe hinweg selbst bei deterministischem Decoding.

Warum das die Entscheidung ändert: Jede Agenten-Demo ohne Faktorattribution und ohne Streuung über mindestens 20 Läufe ist eine Anekdote. Das gilt für Anbieter genauso wie für das eigene Wochenendprojekt.

03

Die übliche Sicht: „Wenn ich früh dran bin, sichere ich mir einen dauerhaften Vorsprung.“

Der übersehene Mechanismus: Nachrichtenbasiertes LLM-Alpha ist ein Verarbeitungsvorsprung, kein Informationsvorsprung. Er existiert, weil die anderen langsamer lesen. Sobald genügend Marktteilnehmer dieselben Modelle auf dieselben Schlagzeilen anwenden, wandert der Effekt in die Preisbildung. Der Vorsprung ist ein Zeitfenster, kein Vermögenswert — und er ist nicht bilanzierbar.

Beleg: Lopez-Lira & Tang (arXiv:2304.07619, Fassung vom Oktober 2025): „Strategy returns decline as LLM adoption rises, consistent with improved price efficiency.“

Warum das die Entscheidung ändert: Ein Geschäftsmodell, dessen einziger Vorteil ein schrumpfendes Zeitfenster ist, darf keine wiederkehrenden Erlöse gegen eine Rendite versprechen. Es muss entweder auf Werkzeug- und Infrastrukturerlöse umstellen oder akzeptieren, dass sein Kernversprechen ein Ablaufdatum hat.

Teil 6

MONEY MAP#

Wer in diesem Markt Geld verdient, ist erstaunlich leicht zu bestimmen — man muss nur der Gebühr folgen statt der Rendite.

RolleEinnahmequelleGrößenordnungAnreiz
Abo-Bot-AnbieterMonatliche Gebühr, unabhängig vom Ergebnis15–321 $ pro MonatVerweildauer und Upselling — nicht Nutzerrendite
Kommissions-Bot (Pionex)Handelsgebühr auf jedes Volumen0,05 % je TradeMöglichst viele Trades. Direkt gegenläufig zur Kostendisziplin des Nutzers
BrokerSpreads, Finanzierung, Datenabos, Orderfluss0 $ Kommission bei US-Aktien; 99 $/Monat für Echtzeitdaten bei Alpaca; 0,15–0,25 % KryptoVolumen und Datenabos
Börse / ExchangeTaker-GebührenBruchteile von Prozent, mal sehr hoher UmschlagVolumen. Bots liefern es zuverlässiger als Menschen
Robo-AdvisorVerwaltungsgebühr auf das Vermögen0,25 % (Wealthfront); 0,48 % (quirion); 0,49–0,75 % (Scalable)Assets under Management, nicht Überrendite
NutzerZahlt Abo, Spread, Slippage, SteuerTrägt sämtliches Ergebnisrisiko allein

Wo die Marge sich sammelt: beim Anbieter und beim Handelsplatz — beide verdienen an Aktivität, nicht an Erfolg. Wo Wert versickert: in Slippage, Spread und Steuern des Nutzers, und in einer Umschlagshäufigkeit, die im Backtest nichts kostet und im Live-Betrieb alles.

Korrektur einer verbreiteten Angabe

Die oft wiederholte Aussage, Betterment und Wealthfront kosteten beide 0,25 % pro Jahr, stimmt nicht mehr. Betterment berechnet unter 24 000 $ eine Pauschale von 5 $ im Monat — bei einem Depot von 2 400 $ sind das effektiv 2,5 % im Jahr — und 0,15 % beziehungsweise 0,10 % oberhalb von einer beziehungsweise zwei Millionen. Wealthfronts 0,25 % gelten unverändert.

Teil 7

Technik: wie man so etwas richtig baut#

Die entscheidende Architekturentscheidung ist nicht das Modell, sondern die Rangfolge. Eine deterministische Risikoschicht muss jedem KI-Vorschlag übergeordnet sein und ihn überstimmen können. Gerade weil LLM-Ausgaben nachweislich nichtdeterministisch sind — dieselben Daten, dieselbe Temperatur, andere Handelssequenz —, ist eine harte regelbasierte Sicherung keine Option, sondern Voraussetzung.

Schichtenarchitektur mit Vetorecht der Risikoschicht

Die Rangfolge entscheidet über die Sicherheit des Systems — nicht die Modellwahl.

DatenschichtPoint-in-time, survivorship-bereinigt, versioniertSignalschichtModell oder LLM — erzeugt ausschließlich VorschlägeRisikoschicht (deterministisch)Limits, Positionsgrößen, Kill-Switch — kann jedes Signal überstimmenAusführungsschichtOrderlogik, Slippage-Kontrolle, TeilausführungenProtokoll- und AuditschichtJede Entscheidung nachvollziehbar, jede Variante gezähltVETOKernregel: Die KI schlägt vor, die Risikoschicht entscheidet. Sie darf Signale ablehnen oder verkleinern — niemalsstillschweigend verändern.

Wo Backtests systematisch lügen

FallstrickWirkung und Gegenmittel
Survivorship BiasDelistete und insolvente Firmen fehlen im Datensatz und schönen jedes Ergebnis. Gegenmittel: bereinigte Universen von Norgate, Polygon oder Tiingo.
Look-Ahead BiasZukunftsinformation sickert ins Signal. Konvention: Signal auf den Schlusskurs t, Ausführung frühestens zur Eröffnung t+1 — nie auf denselben Schlusskurs.
Überlappende LabelsTrainings- und Testdaten teilen sich Information. Gegenmittel: Purged und Combinatorial Cross-Validation mit Embargo nach López de Prado.
Curve FittingDie eine Parameterkombination, die im Grid glänzte. Gegenmittel: Parameter vor dem Backtest festlegen, Walk-Forward, Präregistrierung, Deflated Sharpe.
Kosten ignoriertSlippage, Spread und Market Impact fehlen. Ohne sie ist jeder Backtest Fiktion — und die Lücke ist messbar groß.
Implementierungsrisikoneu, 2026Fünf Open-Source-Backtest-Engines liefern bei Kosten null exakt dasselbe Ergebnis (maximale Abweichung 0,000 %), bei realistischen Kosten dagegen bis zu 3,71 % Abweichung für Strategien mit hohem Umschlag — plus sieben zuvor undokumentierte Softwarefehler (arXiv:2603.20319). Die Kostenmodellierung selbst ist damit eine Fehlerquelle, nicht nur ein Abzugsposten.

Wie Kosten eine Bruttorendite aufzehren

Illustrative Zerlegung einer Bruttorendite von 100 auf das, was nach realistischen Reibungen übrig bleibt.

100 %Bruttorenditeim Backtest-22 %Spread undSlippage-18 %Gebühren undFinanzierung-16 %Market Impactund Teilausführung-21 %Steuern23 %was übrigbleibtIllustrative Rechnung, kein empirischer Durchschnitt. Bei hoher Umschlagshäufigkeit verschiebt sich das Bild weiterzulasten von Slippage und Steuern.

Warum Reinforcement Learning in der Praxis scheitert

Vier Gründe, in dieser Reihenfolge: Die Umgebung ist nicht stationär. Das Signal-Rausch-Verhältnis ist extrem niedrig. Es besteht ein Sim-to-Real-Gap, weil der Simulator die eigene Marktwirkung nicht abbildet. Und das Training ist instabil — wiederholtes Training liefert auf identischen Daten materiell unterschiedliche Policies. Ein einzelner Backtest ist damit eine Ziehung aus einer Verteilung. Ohne Angabe der Streuung über viele Trainingsläufe sagt er nichts.

Teil 8

Aufsicht, Recht und Betrug#

Die Aufsicht hat nachgezogen — aber anders, als die meisten annehmen. Es gibt kein Regelwerk für „KI-Handelsbots“. Es gibt Enforcement gegen Falschbehauptungen, und es gibt bestehendes Wertpapierrecht, das je nach Konstellation greift oder nicht.

Regulatorische Wegmarken 2024 bis 2027

Was tatsächlich in Kraft ist, und was verschoben wurde.

18.03.2024Erste SEC-Verfahren wegen „AI-Washing“ — 400 000 $30.05.2024ESMA-Statement zu KI in Wertpapierdienstleistungen10.10.2024SEC gegen Rimar Capital — erfundene KI-Handelsplattform30.12.2024MiCA gilt vollständig für Krypto-Dienstleister02.02.2025KI-Verordnung: Verbote und KI-Kompetenz gelten31.12.2025Ende der verkürzten deutschen MiCA-Übergangsfrist12.02.2026Gemeinsame Warnung von BaFin, EBA, EIOPA und ESMA27.07.2026Digital Omnibus: Hochrisiko-Pflichten auf 2027 verschoben02.08.2026Erste Transparenzpflichten der KI-Verordnung02.12.2027Hochrisiko-Pflichten der KI-VerordnungFett markiert: Wegmarken mit unmittelbarer Wirkung auf Anbieter und Nutzer automatisierter Handelssysteme.

Enforcement: der Vorwurf ist Täuschung, nicht Technologie

Am 18. März 2024 verhängte die SEC die ersten beiden „AI-Washing“-Strafen: 225 000 $ gegen Delphia und 175 000 $ gegen Global Predictions, zusammen 400 000 $. Der damalige Vorsitzende Gary Gensler formulierte es so:

Wir stellen fest, dass Delphia und Global Predictions gegenüber ihren Kunden und potenziellen Kunden behauptet haben, KI auf bestimmte Weise einzusetzen — was sie tatsächlich nicht taten. Anlageberater sollten die Öffentlichkeit nicht täuschen, indem sie behaupten, ein KI-Modell zu verwenden, wenn sie es nicht tun.

Gary Gensler, SEC-Pressemitteilung 2024-36, 18. März 2024 — sinngemäß übersetzt

Seither ist die Linie nicht abgerissen, auch nicht nach dem Führungswechsel Anfang 2025. Im Oktober 2024 traf es Rimar Capital — eine behauptete „KI-gesteuerte Plattform“ zum automatisierten Handel von Kundenkonten, rund 4 Mio. $ von 45 Anlegern, 250 000 $ Strafe gegen den Geschäftsführer zuzüglich Gewinnabschöpfung. Im April 2025 klagte das Justizministerium den Gründer von Nate an, dessen „KI-Einkaufsautomatisierung“ tatsächlich von Vertragskräften erledigt wurde. Und im Mai 2026 folgte der bislang klarste Bot-Fall: SEC gegen Nathan Fuller — 12,3 Mio. $ von rund 150 Anlegern für „KI-basierte Trading-Bots“ im Hochfrequenz-Krypto-Arbitrage; tatsächlich funktionierten die Bots nicht wie dargestellt, 6,2 Mio. $ gingen in private Ausgaben, 5,5 Mio. $ in Ponzi-artige Zahlungen, samt gefälschter Kontoauszüge und erfundener Korrespondenz.

Die CFTC hat, soweit öffentlich nachweisbar, kein eigenes AI-Washing-Verfahren geführt, wohl aber die deutlichste Verbraucherwarnung veröffentlicht: „AI Won't Turn Trading Bots into Money Machines“. Ihr Fallbeispiel ist Mirror Trading International — ein Bitcoin-Schneeballsystem mit behauptetem Handelsbot, mindestens 29 421 Bitcoin von über 23 000 US-Personen, Urteil vom 24. April 2023 über 3 467 676 744 $. Zur Klarstellung, weil es oft falsch wiedergegeben wird: Der Verantwortliche Cornelius Johannes Steynberg starb am 22. April 2024 in Brasilien, während er sich gegen die Auslieferung wehrte. Eine südafrikanische Verurteilung gab es nie.

In Deutschland warnt die BaFin regelmäßig und namentlich. Im Juni 2025 traf es eine Plattformreihe mit 40 Domains, beworben als „Ihr Zugang zu den besten KI-Trading-Bots“, wegen unerlaubter Finanz- und Kryptodienstleistungen nach § 37 Abs. 4 KWG und § 10 Abs. 7 KMAG. Im Februar 2026 folgte eine gemeinsame Warnung von BaFin, EBA, EIOPA und ESMA zu Finanzbetrug mit KI und Kryptowerten. Das FBI beziffert in seinem Bericht für 2025 KI-gestützte Betrugsfälle auf 22 364 Meldungen mit rund 893 Mio. $ Schaden — deutlich weniger als der Kryptobetrug insgesamt, aber mit steigender Tendenz.

Was für Europa tatsächlich gilt — und was nicht

RegelwerkWas viele annehmenWas tatsächlich gilt
KI-Verordnung(EU) 2024/1689„Finanz-KI ist Hochrisiko“Falsch für den Handel. Anhang III nennt im Finanzbereich nur Kreditwürdigkeitsprüfung natürlicher Personen sowie Risikobewertung und Preisbildung in der Lebens- und Krankenversicherung. Wertpapierhandel steht nicht darin. Für einen Retail-Bot greifen realistisch nur die Transparenzpflichten aus Art. 50 und die Verbote aus Art. 5.
Digital Omnibus(EU) 2026/1744„Hochrisiko-Pflichten gelten ab August 2026“Überholt. Die Verordnung vom 8. Juli 2026, in Kraft seit 27. Juli 2026, verschiebt die Anhang-III-Hochrisikopflichten auf den 2. Dezember 2027 und die Anhang-I-Pflichten auf den 2. August 2028. Die BaFin bestätigt diese Reihenfolge und ist seit dem 29. Juli 2026 Marktüberwachungsbehörde für KI-Systeme mit direktem Bezug zu regulierter Finanztätigkeit.
MiCA(EU) 2023/1114„MiCA reguliert Krypto-Handelsbots“Nein. MiCA enthält kein Gegenstück zu Art. 17 MiFID II — keine Organisationspflichten für algorithmischen Handel, keinen Kill-Switch, keine Anzeigepflicht. Einschlägig ist nur Art. 92 Abs. 1 zur Marktmissbrauchsüberwachung. MiCA greift erst, wenn für Dritte eine gelistete Dienstleistung erbracht wird — etwa Portfolioverwaltung von Kryptowerten. Kapitalklassen: 50 000 €, 125 000 €, 150 000 €.
MiFID II Art. 17und RTS 6, (EU) 2017/589„Algo-Handel muss gemeldet werden“Ja — von Wertpapierdienstleistungsunternehmen, die Mitglied eines Handelsplatzes sind. Der Privatanleger, der über eine Broker-API sein eigenes Konto handelt, fällt unter die Ausnahme des Art. 2 Abs. 1 lit. d und ist weder von Art. 17 noch von § 80 WpHG erfasst. Eine Broker-API ist kein direkter elektronischer Zugang.

Deutsche Erlaubnisfragen — die drei Konstellationen, die zählen

KonstellationEinordnung
Bot handelt dein eigenes VermögenGrundsätzlich erlaubnisfreies Eigengeschäft; es fehlt der Dienstleistungscharakter für andere (§ 1 Abs. 1a S. 3 KWG). Die BaFin bestätigt dies ausdrücklich auch für automatisierte Handelssysteme.
Bot handelt für Dritte mit EntscheidungsspielraumFinanzportfolioverwaltung. Erlaubnispflichtig nach § 15 Abs. 1 WpIG in Verbindung mit § 2 Abs. 2 S. 1 Nr. 9 WpIG — auch für vollautomatisierte Robo-Advice-Systeme.
Du bist Mitglied eines Handelsplatzes, nutzt direkten elektronischen Zugang oder betreibst HochfrequenzhandelAuch das Eigengeschäft wird erlaubnispflichtig (§ 32 Abs. 1a KWG). Das WpIG hat diese Norm nicht ersetzt; KWG und WpIG gelten parallel.

Steuerlich erzeugt häufiger Bot-Handel sehr viele steuerpflichtige Ereignisse; die einjährige Haltefrist des § 23 Abs. 1 S. 1 Nr. 2 EStG greift praktisch nie, und die Freigrenze von 1 000 € seit dem Veranlagungszeitraum 2024 ist eine Grenze, kein Freibetrag — bei genau 1 000 € ist der gesamte Gewinn steuerpflichtig. Das BMF-Schreiben vom 6. März 2025 ersetzt das Schreiben von 2022 und führt ausdrückliche Aufzeichnungs- und Mitwirkungspflichten ein. HINWEIS Handelsfrequenz allein begründet nach der Rechtsprechung zum privaten Wertpapierhandel noch keine Gewerblichkeit; das Risiko entsteht erst durch professionelle Organisation oder Einbeziehung fremder Mittel. Eine steuerliche Beratung ersetzt dieser Absatz nicht.

Warnsignale unseriöser Angebote

  • Garantierte oder „risikofreie“ Renditen, dreistellige Jahresversprechen, „100 % Trefferquote“.
  • Nur Backtests, keine verifizierten Live-Ergebnisse — oder Backtests, in denen Verlust-Trades auffällig fehlen.
  • Das Marketing dreht sich um Empfehlungsprovisionen statt um die Strategie. Klassisches Schneeballmuster.
  • Der Bot verlangt Auszahlungsrechte oder Direkteinzahlungen auf die eigene Plattform.
  • Einzahlungen gehen sofort, Auszahlungen scheitern an einer „Freischaltgebühr“.
  • Hoher prozentualer Gain bei winzigem absolutem Gain — typische Verschleierung von Drawdowns durch nachträgliche Einzahlungen.
  • Intransparente Methode, anonyme Entwickler, ausschließlich Bewertungen auf der eigenen Seite.

Was die Kennzahlen auf Signal-Marktplätzen wirklich bedeuten

Die Prüfsiegel „Track Record Verified“ und „Trading Privileges Verified“ stammen von Myfxbook, nicht von MQL5 — eine Verwechslung, die in fast jedem Ratgeber steht. Das erste bestätigt nur, dass die angezeigte Historie zu den übermittelten Zugangsdaten passt, nicht die Eigentümerschaft; das zweite bestätigt Kontrolle über das Konto, nicht die Richtigkeit der Historie. Beide zusammen sagen nichts über Strategiequalität. Und „Gain“ ist eine zeitgewichtete Rendite, „Absolute Gain“ misst gegen die Nettoeinzahlungen — der Unterschied kann dramatisch sein: In einem dokumentierten MQL5-Forumsfall wurden aus 250 $ real 1 924,46 $, also 770 % — angezeigt wurden rund 4 090 %.

Sicherheitsrisiko gehostete Bots

Cloud-Bots verwahren deine API-Schlüssel. Der Referenzfall bleibt 3Commas: Ab Oktober 2022 tauchten nicht autorisierte Trades auf; das Unternehmen bestritt den Vorfall siebzehn Tage lang und bestätigte erst am 28. Dezember 2022, nachdem rund 100 000 API-Schlüssel abgeflossen und über 10 000 veröffentlicht worden waren. Neuer und gefährlicher ist der Angriffsweg über gefälschte Werkzeuge: Eine im Januar 2026 dokumentierte Chrome-Erweiterung legte auf der API-Seite einer Börse selbsttätig neue Schlüssel mit Auszahlungsrecht an, blendete den entsprechenden Schalter aus und exfiltrierte sie. Grundregeln: einem Bot niemals Auszahlungsrechte geben, Schlüssel minimal berechtigen, IP-Whitelisting und Zwei-Faktor-Authentisierung aktivieren — und den Zugriff nach dem Entfernen eines Werkzeugs aktiv widerrufen.

Teil 9

FOUNDER LENS#

Für jemanden, der ein Unternehmen bauen will, ist die interessante Frage nicht, ob Bots funktionieren, sondern welcher Teil dieser Wertschöpfungskette unterversorgt ist. Die Antwort ergibt sich direkt aus den Befunden oben: Alles, was mit dem Signal zu tun hat, ist überfüllt, schwer zu beweisen und rechtlich heikel. Alles, was mit dem Nachweis zu tun hat, ist unterversorgt.

EinstiegKundeVerteidigbarkeitRegulatorische LastUrteil
Retail-Signal-AboPrivatanlegerKeine. Kopierbar in WochenHoch, sobald Renditeaussagen fallenMeiden
Nachweis- und Audit-InfrastrukturVariantenzählung, Deflated Sharpe, Purged CV als DienstLizenzierte Vermögensverwalter, Family Offices, Fonds-SeederMittel bis hoch: Daten-Historie und IntegrationenNiedrig — kein AnlagegeschäftBauen
Point-in-time-DatenveredelungQuant-Teams, HochschulenHoch, wenn die Historie sauber und versioniert istNiedrigBauen
LLM als Recherche-SchnittstelleDokumente, Meldungen, Filings — ohne HandelsentscheidungAnalysten, Berater, MittelstandMittel: Workflow und DatenzugängeNiedrig, solange keine AnlageberatungBauen
Compliance-Layer für Robo-AdviceWpIG-lizenzierte HäuserHoch: Wechselkosten, PrüfungsspurenMittel — Kunde trägt die LizenzPrüfen
Eigener Fonds / VermögensverwaltungVermögende PrivatkundenHoch bei Track RecordSehr hoch: § 15 WpIG, Kapital, OrganisationNur mit Kapital und Geduld

Der Keil, den ich für den besten halte: ein Werkzeug, das die Aussage „diese Strategie hält“ prüffähig macht — Anzahl getesteter Varianten protokollieren, Sharpe deflationieren, Kosten mit mehreren Engines gegenrechnen, Ergebnis als signiertes Prüfprotokoll ausgeben. Der Markt dafür entsteht gerade von selbst: Wenn selbst fünf Backtest-Engines bei realistischen Kosten um 3,71 % auseinanderlaufen und LLM-Agenten nicht einmal über Läufe reproduzierbar sind, wird die Verifikation zum knappen Gut. Der Kunde ist die Seite, die Kapital allokiert, nicht die Seite, die Signale kauft.

Zeit bis zum Beweis: sechs bis zwölf Monate für ein belastbares Produkt, weil man keinen Renditenachweis führen muss — nur einen Methodennachweis. Kapitalintensität: niedrig, abgesehen von Datenlizenzen. Das größte Risiko: dass die Zielkunden das Problem kennen und trotzdem nicht dafür zahlen wollen, weil ein deflationierter Sharpe ihre eigenen Produkte schlechter aussehen lässt. Das ist kein technisches, sondern ein Anreizproblem — und es sollte vor dem ersten Code an fünf Gesprächen getestet werden.

Teil 10

Szenarien bis Ende 2028#

SzenarioAnnahmeBeobachtbarer AuslöserFolge
BullWahrscheinlichkeit geringKontaminationsfreie Mehrjahres-Evidenz zeigt reproduzierbares Netto-Alpha für Agenten auch nach Kosten und FaktorattributionMindestens zwei unabhängige Gruppen replizieren dasselbe Ergebnis über ≥ 24 Monate mit Streuungsangabe über ≥ 20 LäufeDer Markt verschiebt sich zu lizenzierten Anbietern mit Prüfpflicht; Retail-Abos bleiben trotzdem das schlechteste Produkt darin
Basewahrscheinlichstes SzenarioLLMs setzen sich in Recherche, Zusammenfassung und Dokumentenauswertung durch; die Handelsentscheidung bleibt bei klassischen Modellen mit deterministischer RisikoschichtWeiterhin Attributionsergebnisse wie KTD-Fin; Anbieter positionieren sich als „Research-Copilot“ statt „Bot“Kommerzielle Abo-Preise bleiben stabil, Differenzierung wandert zu Daten und Ausführung; Konsolidierung im Retail-Segment
BearWahrscheinlichkeit mittelEin sichtbarer Schadensfall mit KI-Bezug — Bot-Fehlfunktion oder ein Betrugsfall im dreistelligen MillionenbereichErste nationale Aufsicht ordnet Zulassungs- oder Offenlegungspflichten für automatisierte Handelsassistenz an; BaFin nutzt ihre neue MarktüberwachungsrolleMarketingfreiheit endet; Anbieter ohne prüffähige Methode verschwinden. Für Infrastrukturanbieter ist das das beste Szenario
Teil 11

RED FLAGS#

Was diese These schwächen oder widerlegen würde — und woran man es erkennen könnte:

  1. Azevedo/Hoegner/Velikov wird begutachtet publiziert und repliziert. Wenn eine unabhängige Gruppe die Netto-Renditen nach Kosten bestätigt, ist die Aussage „ML-Alpha überlebt Kosten nicht“ in ihrer allgemeinen Form falsch. Zu beobachten: Journalstatus des SSRN-Papiers 4702406.
  2. Ein Agenten-Benchmark über 24+ Monate mit Kostenmodell und Faktorattribution zeigt persistentes Alpha. Das wäre der erste echte Gegenbeweis zu KTD-Fin. Zu beobachten: Nachfolgearbeiten zu StockBench und KTD-Fin.
  3. Reproduzierbarkeit wird gelöst. Wenn Agenten-Frameworks über Läufe hinweg stabile Handelssequenzen liefern, fällt eines meiner stärksten Argumente. Zu beobachten: Antworten auf AlphaForgeBench.
  4. Ein Retail-Anbieter legt einen auditierten Live-Track-Record über mehrere Regime samt Variantenzählung vor. Bisher hat das keiner getan. Der Erste, der es tut, verdient eine Neubewertung.
  5. Die Kostenseite fällt strukturell. Nullgebühren plus deutlich engere Spreads in Small Caps würden die Break-even-Schwelle verschieben und Teile des gemessenen Effekts erstmals retailfähig machen.
  6. Regulatorische Kehrtwende. Sollte eine Aufsicht automatisierte Handelsassistenz für Privatkunden als Hochrisiko einstufen, ändert das die Ökonomie des gesamten Segments — zulasten der Anbieter, zugunsten von Prüfinfrastruktur.
Teil 12

Was konkret zu tun ist#

Wenn du ein Produkt kaufen willst

  • Verlange eine Beschreibung der Methode. „KI-gestützt“ ohne Substanz ist selbst schon das Warnsignal.
  • Frage nach dem Liquiditätsdezil, in dem der Ertrag entsteht, und nach der Kapitalsumme, ab der er zusammenbricht. Keine Zahl heißt: keine Kapazitätsanalyse.
  • Frage nach der Anzahl getesteter Varianten und dem deflationierten Sharpe. Wer die Frage nicht versteht, hat nicht ausreichend geprüft.
  • Akzeptiere nur auditierte Live-Ergebnisse über mehrere Marktregime — Aufwärts-, Abwärts- und Seitwärtsphasen. Sechs bis zwölf Monate sind das absolute Minimum, drei Jahre der sinnvolle Maßstab.
  • Vergleiche bei Signalanbietern immer Gain gegen Absolute Gain und prüfe beide Myfxbook-Siegel — und wisse, was sie nicht bedeuten.
  • Niemals Auszahlungsrechte vergeben. API-Schlüssel minimal berechtigen, IP-Whitelisting, Zwei-Faktor-Authentisierung.
  • Werte Papierhandel-Ergebnisse pauschal ab: keine Slippage, keine Teilausführungen, keine Latenz, kein psychologischer Druck.

Wenn du selbst bauen willst

SchrittKonkret
FundamentLópez de Prado, „Advances in Financial Machine Learning“ für Purged CV, Meta-Labeling und Deflated Sharpe. Robert Carver, „Systematic Trading“, für Risiko und Positionsgrößen.
FrameworkQuantConnect Lean für Aktien und Multi-Asset, Freqtrade mit FreqAI für Krypto, NautilusTrader und VectorBT für Research. Nicht mehr: Backtrader, FinRL.
DatenPoint-in-time und survivorship-bereinigt: Norgate, Polygon, Tiingo; Kaiko oder CryptoCompare für Krypto. Die Datenqualität entscheidet mehr über das Ergebnis als die Modellwahl.
DisziplinWalk-Forward plus Purged Cross-Validation mit Embargo. Kosten von der ersten Zeile an einrechnen. Jede getestete Variante protokollieren und den Sharpe entsprechend deflationieren. Ergebnisse über mindestens 20 Trainingsläufe streuen.
GegenprobeDieselbe Strategie in einer zweiten Engine rechnen. Weichen die Ergebnisse bei realistischen Kosten deutlich ab, liegt der Fehler in der Kostenmodellierung, nicht im Markt.

Der Schwellenwert, an dem sich alles entscheidet

Hält eine Strategie einen deflationierten Sharpe deutlich über null — out of sample, über mehrere Regime, nach realistischen Kosten, mit dokumentierter Variantenzahl —, ist sie ernst zu nehmen. Bricht der Wert bei ehrlicher Zählung zusammen, ist sie zu verwerfen, unabhängig davon, wie gut der Backtest aussah. Und sobald für Dritte gehandelt werden soll, ist die Erlaubnisfrage nach § 15 WpIG zu klären, bevor irgendetwas live geht.

MY CALL#

Kaufe keinen Retail-Trading-Bot. Baue keinen, um Signale zu verkaufen. Baue — wenn überhaupt — die Schicht, die Behauptungen über Strategien überprüfbar macht.

Warum, in absteigender Wichtigkeit:

  1. Der gemessene Machine-Learning-Vorteil konzentriert sich in Micro-Caps und angeschlagenen Titeln und verliert je nach Gewichtung 49 bis 86 Prozent, sobald man diese ausschließt. Genau dort kann ein Privatanleger nicht skalieren.
  2. Die Renditen von LLM-Agenten erklären sich unter kontaminationsfreier Auswertung überwiegend aus Markt- und Stil-Exposure. Es ist Beta, das wie Können aussieht.
  3. Dieselben Agenten sind über Läufe hinweg nicht reproduzierbar, selbst bei deterministischem Decoding. Ein einzelnes gutes Ergebnis ist damit keine Evidenz, sondern eine Ziehung.
  4. Overfitting ist bei der üblichen Zahl getesteter Varianten mathematisch garantiert. Ohne Variantenzählung ist jede Sharpe-Angabe bedeutungslos.
  5. Die Anreize im Markt sind eindeutig: Abo-Anbieter verdienen an Verweildauer, Kommissions-Bots an Umschlag, Börsen an Volumen. Nur der Nutzer trägt Ergebnisrisiko.

Konfidenz: hoch für die Aussage, dass es kein verlässliches Retail-Alpha aus gekauften Bots gibt. Mittel für die Aussage zur institutionellen Netto-Rendite, weil die stärkste Gegenstudie noch unbegutachtet ist. Niedrig für jede Prognose über 2027 hinaus.

Was mein Urteil ändern würde: ein begutachteter, replizierter Nachweis von Netto-Alpha nach Kosten in liquiden Titeln — oder ein Agenten-Benchmark über mehr als 24 Monate mit Kostenmodell, Faktorattribution und Streuungsangabe.

Die nächsten drei Schritte:

  1. Wenn du bereits ein Abo hast: Fordere schriftlich die Variantenzahl und den deflationierten Sharpe an. Die Antwort — oder ihr Ausbleiben — entscheidet.
  2. Wenn du baust: Setze zuerst die Protokoll- und Risikoschicht auf, dann das Modell. In dieser Reihenfolge, nicht umgekehrt.
  3. Wenn du gründest: Führe fünf Gespräche mit lizenzierten Vermögensverwaltern über Verifikation, bevor du eine Zeile Code schreibst. Das Anreizproblem ist wichtiger als das technische.

Einschränkungen dieses Berichts

  • Keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung. Regulatorische Aussagen sind vereinfacht; im Einzelfall ist eine BaFin-Anfrage oder anwaltliche Prüfung nötig. Die deutsche MiCA-Übergangsfrist wurde auf zwölf Monate verkürzt und lief zum Jahreswechsel 2025/2026 aus; die genaue Fundstelle im KMAG sollte vor rechtlicher Verwendung geprüft werden.
  • Marktgrößenschätzungen kommerzieller Analysehäuser divergieren je nach Definition erheblich und sind nur als Größenordnung zu lesen. Für bezahlte Retail-Bot-Abonnements existiert keine belastbare Bottom-up-Schätzung.
  • Hedgefonds-Renditen sind nirgends auditiert öffentlich. Die bekannten Medallion-Zahlen von 66,07 % brutto und 39,20 % netto sind arithmetische Mittel aus Zuckermans Anhang, nicht annualisierte Werte; die kumulierte Bruttorendite liegt bei 63,3 %, und Guo und Liu schätzen die tatsächliche annualisierte Rendite vor Gebühren auf rund 31,8 %.
  • Die Overfitting-Kurve und das Kosten-Wasserfalldiagramm sind illustrative Rechnungen auf Basis publizierter Formeln, keine empirischen Messungen an einem konkreten Portfolio.
  • LLM-Benchmarks sind Momentaufnahmen einer sehr jungen Forschungslinie und gelten nicht automatisch für künftige Modellgenerationen. Die Preisangaben wurden am 4. September 2026 erhoben; Tickeron veröffentlicht derzeit keine abrufbare Preisseite und ist daher nicht enthalten.
AI-Trading-Bots: Das Alpha ist echt — es sitzt nur hinter drei TorenAref Research · Recherchestand 4. September 2026 · Nach oben

Quellenverzeichnis · Source ledger · فهرست منابع

Ein gemeinsames Verzeichnis für alle drei Ausgaben; die Notizen stehen auf Englisch, um die Angaben nicht zu verdreifachen. Inline-Belege stehen weiterhin in jeder Sprachfassung an der jeweiligen Aussage. · One shared ledger for all three editions, with notes in English. · فهرست مشترک برای هر سه نسخه؛ یادداشت‌ها به انگلیسی.

Primärquellen · Primary sources · منابع دست‌اول

Gu, Kelly & Xiu, „Empirical Asset Pricing via Machine Learning“

Review of Financial Studies 33(5), 2223–2273 · May 2020

The core positive result: NN market-timing Sharpe 0.77 vs 0.51 buy-and-hold; long-short deciles 1.35/2.45 vs OLS 0.61/0.83. All gross of costs.

Avramov, Cheng & Metzker, „Machine Learning vs. Economic Restrictions“

Management Science 69(5), 2587–2619 · May 2023

The decisive constraint: the payoff falls 65 % (equal-weighted) / 49 % (value-weighted) without microcaps and 86 % / 70 % without distressed firms; break-even costs drop from 0.48–1.12 % to 0.26–0.54 % once microcaps go.

Harvey, Liu & Zhu, „…and the Cross-Section of Expected Returns“

Review of Financial Studies 29(1), 5–68 · 2016

Source of the t > 3.0 hurdle and of the line that most claimed findings in financial economics are likely false.

Jensen, Kelly & Pedersen, „Is There a Replication Crisis in Finance?“

Journal of Finance 78(5), 2465–2518 · 2023

The counterweight: factors their Bayesian model keeps but the frequentist correction discards still deliver OOS IR 0.93 (US) and 1.10 (global ex-US), gross.

Bailey, Borwein, López de Prado & Zhu, „Pseudo-Mathematics and Financial Charlatanism“

Notices of the AMS 61(5), 458–471 · May 2014

Ten trials imply an expected in-sample Sharpe of 1.57 at zero true alpha; minimum-backtest-length rule of 45 configurations for five years of data.

Bailey & López de Prado, „The Deflated Sharpe Ratio“

Journal of Portfolio Management 40(5), 94–107 · 2014

The correction for number of trials, cross-trial variance, non-normality and sample length.

Barber & Odean, „Trading Is Hazardous to Your Wealth“

Journal of Finance 55(2), 773–806 · 2000

66,465 households; the most active traders earned 11.4 % annually against a market return of 17.9 %.

Apesteguia, Oechssler & Weidenholzer, „Copy Trading“

Management Science 66(12), 5608–5622 · December 2020

Laboratory evidence that the option to copy others raises risk-taking beyond subjects' own elicited preferences.

Arbeitspapiere & Preprints · Working papers · مقالات کاری

StockBench: Can LLM Agents Trade Stocks Profitably In Real-world Markets?

arXiv:2510.02209 (v2) · 2 March 2026

Contamination-free window 3 Mar–30 Jun 2025; most models fail to beat buy-and-hold; the authors model no costs, slippage or liquidity limits.

From Knowing to Doing: KTD-Fin

arXiv:2605.28359 · 27 May 2026

Masking plus performance attribution on CSI 300: agent returns largely explained by passive market and style exposure.

AlphaForgeBench

arXiv:2602.18481 · February 2026

At temperature 0, identical market data still produce completely different action sequences across runs — single-run evaluations are statistically unreliable.

The Alpha Illusion

arXiv:2605.16895 · 16 May 2026

Position paper; the P1–P6 reporting protocol and the modular architecture in which LLMs sit upstream of independent risk and execution components.

Lopez-Lira, Tang & Zhu, „The Memorization Problem“

arXiv:2504.14765 (v2) · 15 December 2025

Instructions to respect historical boundaries fail; masking fails because models reconstruct entities and dates. No recall post-cutoff.

Lopez-Lira & Tang, „Can ChatGPT Forecast Stock Price Movements?“

arXiv:2304.07619 (v6), forthcoming Journal of Financial Economics · 28 October 2025

The ~90 % hit rate applies to the non-tradable initial reaction; strategy returns decline as LLM adoption rises.

Glasserman & Lin, „Assessing Look-Ahead Bias in Stock Return Predictions…“

arXiv:2309.17322 · 29 September 2023

Separates look-ahead bias from the distraction effect; anonymized headlines outperform in-sample.

Azevedo, Hoegner & Velikov, „The Expected Returns on Machine-Learning Strategies“

SSRN 4702406, working paper · as of 2026 unpublished

The strongest counter-evidence: net out-of-sample monthly returns up to 1.42 % after transaction costs. Not peer-reviewed.

Yin et al., „Implementation Risk in Portfolio Backtesting“

arXiv:2603.20319 · 19 March 2026

Five engines agree exactly at zero cost but diverge by up to 3.71 % once realistic costs are applied.

TradingAgents / Trading-R1

arXiv:2412.20138 · arXiv:2509.11420 · 2024 / 2025

Used here as examples of three-month, cost-free backtests; Trading-R1's own text disclaims deployment use.

Guo & Liu, „Is the annualized compounded return of Medallion over 35?“

arXiv:2405.10917 · May 2024

Estimates Medallion's compounded return before fees at 31.8 %, well below the widely repeated figures.

Wu et al., „BloombergGPT“

arXiv:2303.17564 · March 2023

50 bn parameters; 363 bn-token financial corpus plus 345 bn tokens of general data.

Aufsicht & Recht · Regulators and law · مقررات و قانون

SEC charges Delphia and Global Predictions with AI-washing

SEC press release 2024-36 · 18 March 2024

$225,000 and $175,000; source of the Gensler quotation.

SEC charges Rimar Capital and its principals

SEC press release 2024-167 · 10 October 2024

A claimed AI-driven automated trading platform; ~$4 m from 45 investors.

SEC v. Nathan Fuller (Privvy Investments)

SEC litigation release LR-26558, S.D. Tex. 4:26-cv-04237 · 29 May 2026

$12.3 m from ~150 investors for AI trading bots that did not function as represented.

CFTC customer advisory: AI Won't Turn Trading Bots into Money Machines

CFTC Office of Customer Education and Outreach · 25 January 2024

The clearest regulator-authored warning; uses Mirror Trading International as its case study.

CFTC v. Cornelius Johannes Steynberg / Mirror Trading International

CFTC release 8696-23 · 24 April 2023

$1.73 bn restitution plus an equal civil penalty; 29,421 bitcoin from over 23,000 US persons.

Regulation (EU) 2026/1744 — Digital Omnibus on AI

Official Journal of the EU · adopted 8 July 2026, in force 27 July 2026

Defers Annex III high-risk obligations to 2 December 2027 and Annex I to 2 August 2028.

BaFin: Marktüberwachung nach der KI-Verordnung

BaFin press release · 29 July 2026

Confirms the 2 Feb 2025 / 2 Aug 2026 / 2 Dec 2027 sequence and BaFin's new market surveillance role.

EU AI Act, Annex III

Regulation (EU) 2024/1689 · 2024

The only financial use cases listed are creditworthiness scoring and life/health insurance pricing — securities trading is absent.

Commission Delegated Regulation (EU) 2017/589 (RTS 6)

EUR-Lex CELEX:32017R0589 · 19 July 2016

Organisational requirements for investment firms engaged in algorithmic trading, including kill functionality.

Regulation (EU) 2023/1114 (MiCA)

EUR-Lex · 2023

No algorithmic-trading regime; Art. 92(1) covers market-abuse arrangements only. CASP capital classes €50k / €125k / €150k.

BaFin: Automatisierte und signalbezogene Beratungs- und Handelssysteme

BaFin · current

The substantive German source on when an automated system triggers a licence requirement.

BMF-Schreiben, „Einzelfragen zur ertragsteuerrechtlichen Behandlung bestimmter Kryptowerte“

Bundesministerium der Finanzen · 6 March 2025

Replaces the 2022 letter and introduces explicit record-keeping and cooperation duties.

BaFin consumer warning: „Ihr Zugang zu den besten KI-Trading-Bots“

BaFin · 6 June 2025

Forty named domains; unauthorised financial and crypto services.

Joint warning by BaFin, EBA, EIOPA and ESMA on financial fraud using AI and crypto assets

BaFin · 12 February 2026

The current European supervisory position on AI-branded investment fraud.

ESMA public statement on AI and investment services

ESMA35-335435667-5924 · 30 May 2024

No new obligations: existing MiFID II organisational and best-interest duties apply.

Daten & Methodik · Data and methodology · داده و روش

SEBI, „Profitability of Individual Traders in the Equity Derivatives Segment, FY25–FY26“

Securities and Exchange Board of India · August 2026

87.7 % of individual traders lost money in FY26; the best population-level regulator data available anywhere.

ESMA: prohibition of binary options and restriction of CFDs

ESMA press release · 27 March 2018

The original 74–89 % loss range; current UK firm disclosures run lower, roughly 51–82 %.

Chague, De-Losso & Giovannetti, „Day Trading for a Living?“

SSRN 3423101 · 11 June 2020

97 % of Brazilian day traders who persisted beyond 300 days lost money.

FBI IC3 Internet Crime Report 2025

Federal Bureau of Investigation · 6 April 2026

22,364 complaints and roughly $893 m in losses specifically attributed to AI-enabled scams.

Myfxbook: verification levels, Gain and Absolute Gain

Myfxbook knowledge base · current

Establishes what the two verification badges do and do not prove; Gain is time-weighted, Absolute Gain measures against net deposits.

MQL5 forum thread 295579 on growth calculation

MQL5 community · 2018 onwards

The documented case in which $250 grew to $1,924.46 — 770 % — while roughly 4,090 % was displayed.

Grand View Research, algorithmic trading market

Grand View Research · August 2026

$23.5 bn in 2025, 13.6 % CAGR. Vendor estimate; scope includes non-commercialised in-house algorithms.

Mordor Intelligence, algorithmic trading market

Mordor Intelligence · 31 July 2026

$20.23 bn in 2026, 7.87 % CAGR — explicitly excludes in-house algorithms. The definitional gap explains the divergence.

The Hacker News: malicious Chrome extension steals exchange API keys

The Hacker News, research by Socket · 13 January 2026

Auto-provisioned API keys with withdrawal rights and hid the toggle in the exchange UI.

3Commas: notice on the API data disclosure incident

3Commas · December 2022

The company's own confirmation, published after seventeen days of denial.

Vendor pricing pages

3Commas, Cryptohopper, Bitsgap, Pionex, TrendSpider, Trade Ideas, Composer, Kavout, Alpaca, Betterment, Wealthfront, quirion · retrieved 4 September 2026

All price points in this report were read from the vendors' own pricing pages on that date.